Wal-Mart gibt sich geschlagen. Das größte Handelsunternehmen der Welt zieht sich nach acht Jahren vom deutschen Markt zurück und verkauft 85 SB-Warenhäuser an die Metro. Damit ist der Versuch der Amerikaner gescheitert, sich auf einem der umkämpftesten Einzelhandelsmärkte der Welt festzusetzen. 

Bei 19 Standorten übernimmt die Metro zusätzlich das Immobilien-Eigentum. Mit dem Zukauf will das Düsseldorfer Handelshaus seine geschwächte Supermarkt-Kette Real stärken. Immerhin erzielten die Wal-Mart-Märkte im vergangenen Geschäftsjahr nach Schätzungen einen Umsatz von rund 2 Milliarden Euro - nach fünf Milliarden vor sechs Jahren. Die Metro-Aktie gewann nach der Ankündigung an der Frankfurter Börse 3,7 Prozent auf 45,42 Euro und lag an der Spitze der DAX-Unternehmen.

Metro gewinnt also, Wal-Mart verliert: eine Milliarde US-Dollar. So hoch kalkuliert das Unternehmen seinen Verlust aus dem Deutschland-Abenteuer. "Der Verkauf dieses Geschäftszweigs gibt uns die Möglichkeit, uns verstärkt den Märkten zu widmen, auf denen wir unsere gesteckten Ziele schneller erreichen können", rechtfertigte Michael Duke, Deutschland-Chef von Wal-Mart, am Freitag den Verkauf. 

1998 hatte Wal-Mart die deutschen Einzelhändler aufgeschreckt, als das Unternehmen die hiesigen Ketten Wertkauf und Interspar übernahm, insgesamt 95 Läden. Sie sollten den Kern eines flächendeckenden Laden-Netzes bilden. Später, so war es angekündigt, wollte Wal-Mart auch neue Geschäfte bauen. Schon damals sagten Analysten, der Kauf sei wohl die einzige Chance gewesen, Zugang zum deutschen Markt zu finden. Denn das, was Wal-Mart zu bieten hat, gab es in Deutschland längst: Discounter, die billig einkaufen, billig weiterverkaufen und nicht an der hohen Spanne verdienen, sondern an der Menge. Metro, Rewe, Aldi, Lidl hatten die Märkte längst abgesteckt, die Standorte verteilt.

Die Skeptiker sollten recht behalten: Während Wal-Mart von Brasilien bis China Erfolge feierte und Jahresumsätze von mehr als 280 Milliarden Euro erreichte, fuhr es in Deutschland Jahr für Jahr hohe Verluste ein - trotzdem sich das Management vom reinen Discountgeschäft ab- und großen Selbstbedienungskaufhäusern zuwandte. Schnell stellte sich heraus, dass die Amerikaner den harten Wettbewerb hierzulande unterschätzt hatten: die relativ hohen Löhne, den Einfluss der Gewerkschaften, die Regulierungen, das Preisniveau, das niedriger ist als in allen anderen europäischen Ländern. Sortimentsgestaltung, Preisfindung und das schwache Konsumklima machte dem Unternehmen zu schaffen. Und es traf auch deutsche Handelskonzerne, die ihre Pfründe mit radikalen Preissenkungen verteidigten.

Hinzu kam die für deutsche Geschmäcker sehr eigenartige Geschäftskultur der Amerikaner . Da gibt es die allgegenwärtigen Gebote des Unternehmensgründers Sam Walton, beispielsweise die sundown rule , nach der jede Kundenanfrage am selben Tag erledigt werden soll, oder die drei basic beliefs : Respekt vor dem Einzelnen, Kundenfreundlichkeit, stetes Bemühen um Bestleistungen. In diesen Regeln, wie in der Art der Personalführung, die auch gemeinsames Grillen mit den Familien vorsieht, zeigten sich "vergemeinschaftende" Elemente, die der deutschen Kultur fremd seien, stellte eine Untersuchung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung fest. Wal-Mart versuche, seine Angestellten total in eine selbstgeschaffene Kultur einzubinden, statt Arbeitsbeziehungen rational und unter Beteiligung der Sozialpartner zu gestalten, wie es in Deutschland sonst üblich sei.

Den Höhepunkt erreichte dieser Kulturkonflikt mit einem "Flirt-Verbot" und der Aufforderung an die Mitarbeiter, sich gegenseitig zu denunzieren. So jedenfalls nannten es Gewerkschaftsvertreter. Tatsächlich wollte die Konzernführung lediglich Ethikrichtlinien für seine Mitarbeiter durchsetzen, die in den Wal-Mart-Filialen überall auf der Welt gelten. Mitarbeiter sollten keine Geschenke von Lieferanten annehmen, Liebesbeziehungen unter Kollegen, besonders von Vorgesetzten zu Untergebenen, sollten verboten sein. Wer erfuhr, dass ein Kollege ein Gesetz verletzte, sollte darüber "unverzüglich" berichten. Weil der Konzern die Regeln aber nicht mit dem Betriebsrat abstimmen wollte, wie es das Betriebsverfassungsgesetz vorschreibt, zogen die Arbeitsnehmervertreter vor Gericht. Und gewannen. Letztlich scheiterte Wal-Mart wohl an dem Missverständnis, dass im Zeitalter der Globalisierung überall die eigenen Regeln zu gelten hätten.

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