ZEIT online: Bildet die Hisbollah einen eigenen Staat im libanesischen Staat?

Ahmad Beydoun: Nein. Die Hisbollah ist sowohl eine religiöse, soziale als auch eine politische Organisation. Was die religiöse Ebene betrifft, so ist die Hisbollah die Hauptpartei der libanesischen Schiiten. Obwohl die Schiiten in der islamischen Welt eine Minderheit darstellt, betrachten sie den Führer der iranischen Revolution als Führer des weltweiten Islams, in dem sich sämtliche Richtungen und Tendenzen der islamischen Welt vermischen.

ZEIT online: Und auf der politischen Ebene?

Beydoun: Der große Unterschied zu den anderen libanesischen Gemeinschaften besteht darin, dass die Hisbollah eine bewaffnete Organisation ist. Dennoch würde man den Besonderheiten der libanesischen Gesellschaft nicht gerecht werden, wenn die Hisbollah auf ihre militärische Rolle reduziert werden würde.

ZEIT online: Sehen sich die libanesischen Schiiten in erster Linie als Libanesen oder als Schiiten? Wie lösen sie diesen Widerspruch?

Beydoun: Sie lösen ihn gar nicht. Sie sind zugleich Schiiten und Libanesen. Sie betrachten sich selbst als wesentlicher Bestandteil der libanesischen Gesellschaft und Politik. Allerdings repräsentiert die Hisbollah nicht die Gesamtheit der libanesischen Schiiten. So stellt die Bewegung Amal, die derzeit zwar mit der Hisbollah verbündet ist, gewöhnlich jedoch mit ihr konkurriert, eine andere Richtung dieser Gemeinschaft dar, die stärker an den libanesischen Staat und an die syrische Macht gebunden und insgesamt gemäßigter ist. Die Hisbollah ist aber gut organisiert, sie verfügt über viele Mittel. Sie ist die dominierende Partei der schiitischen Gemeinschaft. Und sie glaubt, eine besondere Funktion auszuüben: die Verteidigung des Libanons gegen Israel, das als regionaler Repräsentant eines weltweiten Imperialismus unter der Leitung der USA angesehen wird.

ZEIT online: Ist der Krieg eine Konsequenz daraus, dass der nationale Dialog im Libanon gescheitert ist, vor allem das Ziel, die Hisbollah zu entwaffnen?

Beydoun: Ich glaube, dass die Hisbollah mit diesem Krieg den Preis für seine doppelte regionale Verpflichtung gegenüber Syrien und Iran und für die Rolle, die sie sich im Libanon anmaßt, zahlen muss. Die Sunniten, die Drusen und ein Teil der Christen wollten eine Entwaffnung der Hisbollah. Ihrer Meinung nach würde eine Hisbollah, die sich als militärische Organisation nicht dem libanesischen Staat verantwortlich fühlt, was dessen Souveränität untergräbt, das Land früher oder später ins Verderben führen.

ZEIT online: Was waren die Argumente der Hisbollah gegen ihre Entwaffnung?

Beydoun: Die Hisbollah trug zwei Argumente vor. Zum einen ist nach wie vor ein Teil des libanesischen Gebiets - die Schebaa-Farmen - von Israel besetzt, was einen bewaffneten Widerstande gegen Israel legitimiere. Zum anderen dienten ihre Waffen der Abschreckung, da laut der Hisbollah Israel den Libanon im Visier habe, und in jedem Moment gegen diesen einschreiten könne.

ZEIT online: Welches Ziel verfolgte die Hisbollah mit dem Angriff auf die israelischen Soldaten?

Beydoun: Zum einen die Konfrontation mit Israel, um von den Ereignissen in Gaza abzulenken. Zweifellos meinte die Hisbollah, dass ein Gefangenenaustausch auch die palästinensischen Gefangenen in Israel umfassen würde. Zweitens wollte sie Israel und seine westlichen Verbündeten wieder vor Augen führen, dass die Hisbollah nach wie vor eine Bedrohung für Israel darstellt - besonders im Falle eines möglichen Konflikts mit Iran. Und schließlich gab es ein innenpolitisches Ziel: Nach diesem moralischen Sieg, den eine Freilassung der libanesischen Gefangenen in Israel dargestellt hätte, wäre der Status dieser bewaffneten Partei in ihrem Land nicht weiter infrage gestellt worden.