ZEIT online: Herr Alpher, wie verläuft der Krieg gegen die Hisbollah drei Wochen nach Beginn der Kämpfe?

Yossi ALPHER: Nicht so gut wie die meisten Israelis erwartet hatten, auch wenn in den letzten Tagen das Tempo zunahm, mit dem Hisbollah-Kämpfer ausgeschaltet und Hisbollah-Positionen besetzt wurden. Die Verantwortlichen hatten die Bevölkerung im Glauben gelassen, dass alles sehr schnell gehen würde. Deshalb gibt es jetzt viel Kritik an Regierung und Militärführung im Hinblick auf das Kriegsmanagement. Noch sind diese Stimmen sehr leise, aber wenn der Krieg einmal vorbei ist, werden sie laut zu hören sein.

ZEIT online: Einer der Vorwürfe lautet, dass die Offensive zu schnell entschieden und schlecht geplant worden sei?

ALPHER: Nun, sie war gut geplant, denn die Armee war in der Lage, einen fertigen Schlachtplan aus der Schublade zu ziehen. Wenige Wochen bevor alles begann, hatte sogar eine große Militärübung stattgefunden, die sich mit genau solchen Umständen beschäftigte. Aber dies ist dennoch der erste israelisch-arabische Krieg, der mit einem Grenzzwischenfall begann. Es ist klar, dass Ministerpräsident Olmert und seine Regierung nicht viel Zeit verschwendet haben, um sich für den Kriegbeginn zu entscheiden. Das hinterlässt den Eindruck, dass es sich um eine sehr impulsive Entscheidung handelte, und nicht eine, die am Ende vieler Beratungen entstand.
Ich möchte daran erinnern, dass es in der ursprünglichen ersten Runde des Konflikts, der ja mit der Entführung eines Soldaten durch die Hamas in Gaza begann, erst noch ein 48-stündiges Ultimatum gab.

ZEIT online: Liegt das vielleicht daran, dass Olmert im Gegensatz zu fast allen seinen Vorgängern ein Zivilist ist, also einer, der sich auf diesem Gebiet mehr beweisen muss?

ALPHER: Diese Spekulation vernimmt man in vielen Kreisen, aber meines Erachtens ist es noch viel zu früh, daraus irgendwelche Schlussfolgerungen zu ziehen. Übrigens ist ja nicht nur Olmert, sondern auch sein Verteidigungsminister Amir Peretz ein Ziviler. Beide haben vor weniger als hundert Tagen ihre Ämter übernommen, fast ganz ohne Erfahrung im Hinblick auf Entscheidungsprozesse in nationalen Sicherheitsfragen. Aber zumindest bis gestern noch war Olmert sehr erfolgreich darin, die öffentliche Meinung richtig zu lesen und hinter sich zu behalten. Mit dem Aufruf, all diese Raketenangriffe weiter zu absorbieren und sich nicht auf Verhandlungen über die Freilassung der entführten Soldaten einzulassen, hat er sogar einige heilige Kühe geschlachtet. Ein Politiker mit militärischem Hintergrund hätte sich das vielleicht so nicht getraut.