ZEIT online: Über den israelischen Angriff auf Kana sprach man am Anfang von 54 Toten, jetzt sollen es 28 Opfer sein. Wie kommt es zu diesen unterschiedlichen Zahlen?

Nadim Houry: Als das Rote Kreuz und andere Hilfsorganisationen am Tag des Angriffs auf das Wohnhaus in Kana eintrafen, berichteten die Dorfbewohner, es hätten sich 63 Personen in dem Gebäude befunden. Als man nur neun Verletzte unter den Trümmern fand, schloss man daraus, dass 54 Menschen getötet worden seien. Wir sind dann am nächsten Tag nach Kana und in das Leichenschauhaus in Tyros gefahren: Dort waren 28 Leichen aufgebahrt. Die anwesenden Familien sprechen allerdings noch von einigen vermissten Angehörigen.

ZEIT online: Wie erklären Sie sich das Medieninteresse an Kana?

Houry: Kana ist ein Symbol, nach dem, was dort vor zehn Jahren passierte (die israelische Militäroffensive "Früchte des Zorns" kostete damals 118 libanesische Zivilisten das Leben). Aber letztlich geht es nicht um die Anzahl der Toten. Was zählt ist, dass die israelische Armee nichts unternimmt, um die libanesische Zivilbevölkerung zu schützen.

ZEIT online:In dem Untersuchungsbericht, den die israelische Armee am Donnerstag vorlegte, wird behauptet, man hätte das Gebäude nicht bombardiert, wenn man gewusst hätte, dass sich Zivilpersonen darin befanden.

Houry: Human Rights Watch hat einen Bericht veröffentlicht, in dem seit Beginn des Konflikts von etwa zwanzig israelischen Angriffen auf Häuser und Autokonvois im Südlibanon die Rede ist. Man kann nicht länger von Fehlern sprechen, wenn sich diese Fehler täglich wiederholen. Über Kana fliegen unablässig Drohnen hinweg, die auch Fotos machen. Was dort passiert ist, ist ja kein Einzelfall. Es macht deutlich, dass die israelischen Armee systematisch nicht zwischen zivilen und militärischen Zielen unterscheidet. Die eindeutigsten Fälle sind übrigens nicht die Angriffe auf Häuser, sondern gegen zivile Autokolonnen auf den Straßen. Dabei sind es die Israelis selbst, die die Einwohner zum Verlassen ihrer Ortschaften auffordern.

ZEIT online:"Kollateralschäden" sind unvermeidlich.

Houry: Jeder wird einräumen, dass in Kriegszeiten immer Fehler passieren. Aber unsere Untersuchung zeigt, dass man nicht von Fehlern sprechen kann, wenn diese regelmäßig auftreten. Ab einem gewissen Moment zeigt sich, dass eine ganz bestimmte Politik dahinter steht. Deshalb unser Alarmschrei.