Die Bitte kam überraschend, war aber an Deutlichkeit nicht zu übertreffen: Ende vergangener Woche äußerte Israels Ministerpräsident Ehud Olmert in der Süddeutschen Zeitung den klaren Wunsch, dass sich Deutschland an einer UN-Friedensmission im Libanon beteiligen möge gut 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Holocaust ein klarer Vertrauensbeweis.

Doch die Bundesregierung hält sich bei dem Thema weiterhin auffällig bedeckt. Sie will jedoch nicht ablehnend, sondern nur zurückhaltend wirken. Das habe in erster Linie mit "diplomatischer Klugheit zu tun", argumentiert man in Berliner Regierungskreisen. Die Begründung: Würde sich Deutschland bereits jetzt offen zu einer wie auch immer gearteten Beteiligung der Bundeswehr an Schutz- und Friedenstruppen im Libanon bekennen – noch vor der Verabschiedung einer UN-Resolution und mitten in der Reisediplomatie des Außenministers – wären dadurch Gespräche mit der anderen Seite erschwert.
Die Kanzlerin teilt diese Auffassung dem Vernehmen nach. In einem längeren Telefonat, das Angela Merkel am späten Montagvormittag mit dem libanesischen Ministerpräsidenten Siniora führte, habe der Einsatz deutscher Truppen keine Rolle gespielt, sagt ein Regierungssprecher.

Dabei weiß man in Berlin: Es gibt wenige europäische Länder, die derzeit im Nahen Osten wie Deutschland als eher neutral und damit gut geeignet für eine friedensschaffende Mission eingeschätzt werden. Denn die Bundesrepublik hat dort keine koloniale Vergangenheit; an ihrer unverbrüchlichen, geschichtsbedingten Unterstützung für Israel besteht kein Zweifel, gleichzeitig hat die deutsche Seite aber immer auch den Dialog mit den arabischen Staaten gesucht. Diese Mittlerposition will die Bundesregierung nicht verlieren. Dazu kommen insbesondere die Kontakte zu Syrien, die Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) pflegt und die er nutzen will, um Damaskus in eine Lösung des Libanon-Konflikts einzubinden. Steinmeier reist an diesem Dienstag erneut in den Nahen Osten. Er will dort Israel, den Libanon und die Palästinensergebiete besuchen

So oder so steht die Bundesregierung vor einer ihrer heikelsten außenpolitischen Entscheidungen. Durch die überraschende Vertrauenserklärung des israelischen Premiers ist der Druck auf die politischen Verantwortlichen in Berlin noch gewachsen. Noch spielen die aber auf Zeit. "Das ist die schwierigste außenpolitische Entscheidung, die es in der Geschichte der Bundesrepublik je gab. Das dürfte auch das gefährlichste Mandat sein, mit dem wir uns je befasst haben", sagt Gert Weisskirchen, außenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, ZEIT online. Deswegen hält er die Zurückhaltung der Bundesregierung für sinnvoll.  Keinesfalls dürfe es einen Automatismus geben, eine Beteiligung Deutschlands aus der historischen Verantwortung heraus zwingend abzuleiten. "Das Mandat wird so intensiv zu prüfen sein, dass es vom Fraktionszwang freigestellt werden muss – wenn es denn nicht sogar eine Gewissensentscheidung sein sollte."

Die Vorsicht der Koalition entspringt also im wesentlichen Erwägungen der Krisendiplomatie. Weniger hingegen spielen historische Bedenken eine Rolle, wie sie etwa FDP-Chef Guido Westerwelle äußert: Deutsche Soldaten, meint er, hätten auf Grund der Geschichte in diesem Gebiet nichts zu suchen. Gegen eine solche Sicht wandte sich Regierungssprecher Thomas Steg am Montag ausdrücklich: "Das Argument verdient hohen Respekt, aber es gibt auch berechtigte Zweifel daran, dies als Ausschlussgrund zu sehen." Schließlich sei das Existenzrecht Israels Teil der deutschen Staatsräson und in diesem Konflikt bedroht, sodass Deutschland gerade aus dieser Verpflichtung heraus einen Hilfsauftrag annehmen müsse.

Auch die Unionsfraktion setzt sich von der FDP-Position ab: "Wer eine Beteiligung Deutschlands kategorisch ausschließt, dessen Bekenntnis zum Existenzrecht Israels ist nichts wert", sagt ihr außenpolitischer Sprechr Eckart von Klaeden. Außer der besonderen historischen Verpflichtung Deutschlands gegenüber Israel gebe es auch eine aktuelle, in die Zukunft weisende Verpflichtung, "die einzige rechtsstaatliche Demokratie der Region zu unterstützen". Zudem habe Deutschland auch Gestaltungsinteressen in der Region und beim möglichen Mandat einer Friedenstruppe, die es nach Klaedens Ansichts durch eine sofortige Absage aufgeben würde.