Längst vorbei sind die Zeiten sowjetischer Planwirtschaft - Russland ist zu einem regelrechten Eldorado für Aktienanleger geworden. Angesichts der immer heftiger aufflammenden Krisen im Nahen und Mittleren Osten und dem anhaltenden politischen Chaos in den afrikanischen Ölförderstaaten erscheint Mütterchen Russland als verlässliche Versorgerin, die ihre westliche Kinderschar mit Öl und Gas nährt. Das hat natürlich die russischen Rohstoffkonzerne in den Mittelpunkt des Anlegerinteresses gerückt: Gazprom, Rosneft und Co. sind Energiequellen der westlichen Verbraucher und Hoffnungsträger der abenteuerlustigen Aktienanleger gleichermaßen.

Allein seit Jahresbeginn ist der russische Aktienindex RTSI um gut 35 Prozent gestiegen, den Löwenanteil des Indizes bilden Öl- und Gasunternehmen. Wie so oft hat auch hier die Hausse neue Anleger angezogen, die vor allem über Fonds ihr Heil im Osten suchen. Ein Beispiel: Der Russland-Aktienfonds der Deutsche-Bank-Tochter DWS hat mittlerweile ein Fondsvermögen von 700 Millionen Euro - damit ist der Nischenfonds der DWS größer als so mancher Europa-Fonds von kleineren Anbietern. Der stark in Russland engagierte GIF-BRIC-Fonds der britischen Investmentgesellschaft HSBC wurde gar ein Opfer des eigenen Erfolgs. Nachdem der Fonds gerade mal 20 Monate nach seiner Auflegung ein Volumen von rund vier Milliarden US-Dollar erreicht hat, musste das Fondsmanagement die Reißleine ziehen und den Fonds für Neuanlagen vorübergehend schließen. Die Fondsmanager konnten das Geld ihrer Kunden nicht mehr schnell genug in neue Aktien investieren.

Gleichwohl könnte sich die Russland-Euphorie als Strohfeuer entpuppen, wenn nach der Party Ernüchterung einkehrt und die grundlegenden ordnungspolitischen Probleme wieder zutage treten. Die russische Hausse ist nämlich weniger das Resultat eines wirklich investorenfreundlichen Klimawandels, sondern vielmehr das Nebenprodukt einer cleveren Verstaatlichungspolitik.

An vielen wichtigen Großunternehmen hält der russische Staat eine deutliche Aktienmehrheit, und wie der Begriff Corporate Governance auf russisch ausgelegt wird, das wird erst die Zukunft zeigen. Die Art und Weise der staatlichen Eingriffe gibt jedoch wenig Anlass zur Hoffnung. So ist im vergangenen Jahr der Staatsanteil an der Marktkapitalisierung russischer Aktiengesellschaften um ein Drittel auf 24 Prozent gestiegen - und das zuweilen mit fragwürdigen Mitteln.

Paradebeispiel für eine Kreml-Aktie ist Gazprom. Rechtlich ist es eine börsennotierte Aktiengesellschaft, faktisch ein verlängerter Arm des russischen Wirtschafts-, Außen- oder Verteidigungsministeriums - je nach Anlass. Als alleiniger Gasexporteur ist das Unternehmen Putins Waffe, um gegebenenfalls über den Gashahn Druck machen zu können. Zum Beispiel im vergangenen Winter gegenüber der Ukraine, als es dort nach Streitigkeiten über den Gaspreis einfach eine Zeitlang kein Gas mehr gab.

Ein zweiter Beispielfall ist der des Öl- und Gasimperiums Rosneft. Es ist zu großen Teilen auf den Trümmern des insolventen privaten Konzerns Yukos aufgebaut. Dessen einstiger Großaktionär Michael Chodorkowski sitzt in Haft, das Unternehmen wurde zerschlagen. Wegen seiner Putin-kritischen Haltung, sagen mache. Wegen Bilanzfälschung, sagt die russische Regierung. Der einstige Hedgefonds-Star George Soros riet aus diesem Grund von einer Zeichnung der Rosneft-Aktien ab, und auch andere Fondsmanager zeigten kein Interesse an Rosneft. Internationale Öl-Multis hatten dagegen große Aktienpakete erworben - vor allem zu dem Zweck, um in Rohstoff-Verhandlungen mit der russischen Regierung ein gutes Image zu haben.