Ein Blick auf den Parkplatz vor dem Stadion spricht Bände: Nobelkarossen, wohin das Auge reicht. Der Stones-Fan fährt Jaguar, BMW-Cabrio oder Mercedes-Benz, gern auch das neckische VW-Golf-Modell aus der "Rolling Stones Collection". Die finanziell abgesicherte S-Klasse der Musikhörerschaft besucht ein Rock’n’Roll-Konzert. 48.000 sind es schließlich, die im Stuttgarter Gottlieb-Daimler-Stadion der dienstältesten Rocktruppe lauschen. Für bis zu 200 Euro die Karte, das ergibt einen Konzertminutenpreis von 1,66 Euro. Nur Handy-Klingeltöne sind billiger! Es ist das letzte Deutschlandkonzert der vielleicht letzten Rolling-Stones-Tour. Mick Jagger ist vergangene Woche 63 geworden. Keith Richards teilt mit ihm das Alter, aber nicht die glitzernden Jacketts. Charlie Watts, der Schlagzeuger, ist bereits 65, Ron Wood mit 59 der Jungspund unter ihnen. Die Lebensmitte haben auch die meisten ihrer Fans längst überschritten. Wer unter 30 ist, fühlt sich fremd. Dezentes Wippen in farbenfrohen Hemden auf der Haupttribüne. Das Opernglas in der einen Hand, die Gemahlin an der anderen.

In Amsterdam haben Jagger & Co unlängst ihren Nachlass geregelt. Gemeinnützige Stiftungen sollen etwaige Erbstreitigkeiten nach dem Ableben regeln. Es wird viel zu tun geben. Allein 2005 haben die Rocker 152 Millionen Dollar eingenommen. Das Jahr 2006 verspricht, noch besser zu werden. Die A-Bigger-Bang -Tournee wird kräftig Geld in die Kassen spülen. Selbst, wenn – wie in Stuttgart oder München – einige Stuhlreihen leer bleiben und das Gespenst der Rabattaktionen die Runde macht. Der Zenit der Vermarktungsstrategien und Eintrittspreise scheint erreicht. Größer, teurer, bunter geht es nicht. Oder doch?

Die erwartungsgemäß überdimensionierte Bühne ist eine mittelprächtige Hommage an zeitgenössische Architektur. Frank Gehry für Rockmusiker. Aus der Ferne betrachtet ist Mick Jagger ein grobpixeliges Fitnesspaket von 13 mal 18 Metern. Zwei Stunden lang joggt er über die Bühne. Respekt! Die Falten von Keith Richards wirken wie mit dem Lineal gezogen. Auf der Großbildleinwand verschwimmen sie zu ikonografischen Rock-Momenten. Die Gitarre tiefer gehängt, Jaggers Gockel-Schritt und Charlie Watts' fast teilnahmsloses Geklöppel: Die Rolling Stones sind zu ihrem eigenen Abbild auf der Bühne geworden. Die Rockmusik im Zeitalter ihrer ewigen Wiederholung. Posen, Gekreische, Hüftschwünge. Selbst die Originale wirken mittlerweile wie Kopien. A Bigger Bang heißt zwar das aktuelle Album, aber der Urknall des Rock ist längst verpufft. Auch bei ihnen – allen Inszenierungs-, Stilisierungs- und Revivalversuchen des wahren, wirklichen und erdigen Rock’n’Roll zum Trotz. Irgendwann werden ferngesteuerte Wachsfiguren ihren Job übernehmen. Heute, nur heute noch einmal, machen sie die Drecksarbeit selbst. Im Hintergrund flimmern Filmschnipsel aus ihrer Jugend.

Zwischen Jumpin’ Jack Flash und Satisfaction versuchen sie in rund zwei Stunden, die Zeit zurückzudrehen. Überraschungen gibt es keine: nicht auf der Setliste, nicht in den Interpretationen. Aber sie sind besser in Form als zuletzt. Die im Vorfeld der Europatournee produzierte TV-Dokumentation ließ Schlimmstes vermuten. Es kam anders. Keith Richards ist der Schmutz in dieser gut geölten Rock-Maschine. Einer, der auf Palmen klettert, sich den Kopf anschlägt, um hernach seine Akkorde noch weiter neben das musikalische Gerüst seiner Mitmusiker zu setzen. Ein Punk wider Willen. Ohne ihn wäre es die pure Langeweile. Mitgenommen sieht er aus. Und er ist, man muss es sagen, das einzig denkbare Gegenstück zu Mick Jagger. Nur singen sollte er nicht.

Sein durchtrainierter, schlanker, 63-jähriger Kollege verblüfft nicht nur ihn mit seiner Konstitution. Es ist Rock’n’Roll-Jazzdance und Bodybuilding in einem, was Jagger auf der Bühne betreibt. Zwei Stunden tanzen, springen, singen und dabei nicht einmal außer Puste geraten. "Hallo Stuttgarrt", heißt es zu Beginn, "Ihr warttt ein wunderbares Publikkumm" zum Schluss. Routiniertes Großveranstaltungsgeplänkel. Für zwei, drei Stücke blitzt Magie auf. Die Musik-Dinosaurier dreschen ihre unkaputtbaren Riffs, Jagger erstarrt in der Bewegung. Vielleicht war es 1970 auch so, als sie auf dem Killesberg bei Stuttgart spielten. Für 20 Deutschmark, wie es heißt. Lange ist das her. Das Abbild von damals und der triste Größenwahn von heute ergeben für viele Fans immer noch eine sinnvolle Einheit. Fortsetzung folgt: auf DVD und mit der nächsten Platte.