Streng war sie, verletzend streng mitunter. Wenn die große alte Dame ihre Gesangsschüler mit "Kindchen" ansprach, stand die eiskalte Dusche unmittelbar bevor. "Ein bisschen Gehirn braucht man schon zum Singen", konnte sie dann sagen. "Was Sie da oben singen, klingt wie eine Fabrikpfeife." Elisabeth Schwarzkopf durfte das sagen. Sie hat keinen ihrer Schüler damit vernichtet. Schonungslos war diese große Künstlerin nicht, weil sie, die Unerreichbare, die anderen verachtet hätte. Sondern weil sie selbst so hart, so genau, so reflektiert und hingebungsvoll an sich und am Singen gearbeitet hat. Und weil dieses Singen nicht nach Arbeit klang, sondern ihre Hörer bis heute mit lichten Geheimnissen verbindet. Töne, die uns schimmernd und schlank erreichen, nicht einfach die Worte tragend und ausdrückend, sondern sie hinüberformend ins Unvergängliche.

Das gelang ihr wie keiner anderen gerade da, wo es um Vergänglichkeit geht. "Die Zeit, die ist ein sonderbar´Ding", singt die Marschallin im Rosenkavalier von Richard Strauss. "Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie... Manchmal hör' ich sie fließen unaufhaltsam." Wer heute hört, wie Elisabeth Schwarzkopf das vor 50 Jahren sang, erlebt eine Betroffene und eine Beobachterin zugleich. Eine junge, um ihre Jugend bangende Frau, und eine alterlose, in ihrer Gelassenheit sich fast zur Göttin wandelnde Gestalt. Das Legato, die nahtlose Verbindung der Töne, ist vollendet, und doch werden die Worte des Dichters Hugo von Hofmannsthal darin nicht eingeebnet. Sie leuchten. Und nicht nur diese Worte. Schwarzkopf hat ja auch Mozart gesungen. Berühmt waren ihre Gräfin, ihre Donna Elvira, ihre Fiordiligi. Und sie hat die Lieder Hugo Wolfs gesungen, des zerfetzten Genies, dessen Musik bei ihr ganz zu sich fand.

Elisabeth Schwarzkopf kam am 9. Dezember 1915 zur Welt, Tochter eines Gymnasiallehrers im damals preußischen Regierungssbezirk Posen. Früh zeigte sie Talent zum Singen, die 19-Jährige studierte Gesang in Berlin, zuerst Alt, dann Sopran, vier Jahre später stand sie im Deutschen Opernhaus als Blumenmädchen im Parsifal auf der Bühne. Im gleichen Jahr, 1938, ersuchte sie um Aufnahme in die NSDAP. Reue darüber hat sie später nie ernstlich gezeigt: "Ich bin in diese Zeit hineingeboren worden. Und ich musste meine Chance nutzen." Das mag man naiv, uneinsichtig oder zynisch finden. Der Egoismus, der auch darin liegt, ist indessen eine Voraussetzung für Karrieren wie ihre. Auf internationale Ebene gelangte sie, als der englische Schallplattenproduzent Walter Legge nach dem Krieg auf Talentsuche nach Wien kam und Schwarzkopf unter Vertrag nahm. Er wurde der Pygmalion dieses Blumenmädchens, er formte sie, wie das zuvor nur ihre strenge Lehrerin Maria Ivogün getan hatte.

Stolz erinnert er sich, er habe ihre Stimme "nach dem Vorbild von mindestens sechs großen Sopranistinnen" herangebildet. Sie bezeichnete sich kokett als "Her Master´s Voice", denn Legge war die Eminenz der Electrola, des Labels mit dem Hund. Und 1953 wurde er der Ehemann Elisabeth Schwarzkopfs. Man hätte befürchten können, sie würde, gleichsam Geschöpf dieses Mannes, zur Marionette werden – doch das Gegenteil war der Fall. Legge fokussierte ihr Repertoire auf genau die Bereiche, in denen sie überragend war.

Wozu übrigens auch Operetten zählten, deren Figuren sie nie derb, sondern mit feiner Distanz zum Leben erweckte. Mozart, Hugo Wolf und Strauss waren ihre Komponisten. Elisabeth Schwarzkopf stellte ihre Stimme nie vor die Musik. Bei aller Kontrolle – die freilich mitunter ins Künstliche umschlagen konnte – ließ sie sich mitnehmen. Auch vom eigenen Leben. Wer etwa ihre silbrige, gelassene, weit blickende Marschallin von 1956 vergleicht mit den Orchesterliedern, die neun Jahre später aufgenommen wurden, ist nicht nur in Strauss Letzten Liedern berührt vom Abendrot dieser Töne. In der Zueignung singt sie ein geradezu verzweifeltes Bekenntnis zu einer großen, halb verlorenen und halb unsterblichen Liebe. Es sind Töne, die gerade noch vor dem Untergang schützen und den Horizont zum Leuchten bringen – man begreift, dass es dieser Sängerin wirklich um alles ging. Es gehörte zu ihrer Kunst, dass sie dies nie aufdrängte, nie herausschrie, sondern auf anderer Ebene intensivierte, in heikler Balance, gefährdet und unantastbar zugleich. So eine durfte wohl streng mit ihren Schülern sein. Wenn sie zufrieden war mit ihnen, konnte sie auch sagen: "So ist es."

Elisabeth Schwarzkopf ist in der Nacht zum 3. August in ihrem österreichischen Wohnort Schruns im Alter von 90 Jahren gestorben.

Hören Sie hier Sonne der Schlummerlosen von Hugo Wolf, gesungen von Elisabeth Schwarzkopf. Informationen zu weiteren Aufnahmen gibt es hier