Insbesondere der Süden Libanons ist wegen andauernder Luftangriffe und der Kämpfe am Boden von der Versorgung komplett abgeschnitten. Seitdem Israel auf Flugblättern ankündigte, den Bereich südlich des Flusses Litani zum Beschuss freizugeben, setzt kaum eine Organisation ihre Mitarbeiter dieser tödlichen Gefahr aus. Es ist immer schwerer, Fahrer für die Hilfstransporte aufzutreiben, seit ein UN-Konvoi am Sonntag beschossen wurde. Wer dennoch Versorgungsfahrten wagt, dem könnte bald der Sprit ausgehen. Die wenigen funktionsfähigen Tankstellen gäben nur noch 15 bis 20 Liter pro Auto ab, so das Malteser Hilfswerk. UNICEF befürchtet darüber hinaus, dass vor allem im Südlibanon Epidemien wie Cholera ausbrechen werden. Die Menschen säßen dort seit Tagen isoliert in Schutzräumen und hätten weder Wasser noch Strom. "Einige, auch Kinder, trinken aus verschmutzten Flüssen", so ein Sprecher der Organisation. Fast die Hälfte der Flüchtlinge sind Kinder.

Der libanesische Gesundheitsminister Mohammed Chalifeh verkündete, dass die Energievorräte der Krankenhäuser in maximal einer Woche aufgebraucht seien. Hospitäler müssten dann geschlossen werden. Das wäre katastrophal, wenn man bedenkt, dass diese ohnehin überfüllt sind. Die Weltgesundheitsorganisation WHO forderte Israel und Hisbollah auf, Treibstofflieferungen zu den Krankenhäusern zuzulassen. Die Kliniken sind nämlich auf Dieselgeneratoren angewiesen, die den Strom für Wasserpumpen und Medikamentenkühlschränke liefern. Aber selbst wenn Israel Treibstofflieferungen erlauben würde, könnten Transporte nicht alle Regionen des Landes erreichen. Viele Straßen sind unpassierbar, Brücken gesprengt. Aufgrund der langen Umwege kommen Hilfsgüter, wenn überhaupt, sehr spät an.

Die Hilfsorganisation CARE International Deutschland wirft der israelische Armee vor, die Versorgung der libanesischen Zivilbevölkerung zu behindern. Dies verstoße gegen das Völkerrecht. Besonders durch die Zerstörung der großen Autobahn zwischen Damaskus und Beirut vergangene Woche sei "eine entscheidende humanitäre Versorgungsmöglichkeit bewusst massiv beeinträchtigt worden“, sagt CARE-Deutschlands Hauptgeschäftsführer Wolfgang Jamann. Die israelische Luftwaffe bombardierte am Freitag außerdem vier Brücken im Norden von Beirut und zerstörte damit die letzten Straßenverbindungen und Fluchtwege nach Syrien. Dadurch ist die libanesische Hauptstadt praktisch von der Außenwelt abgeschnitten. Die libanesische Küste wird wiederum von israelischen Kriegsschiffen blockiert. CARE fordert die Einrichtung einer "Schneise der Humanität für die Menschen, die unsere Hilfe benötigen". Alle Seiten in dem Konflikt müssten "zwischen zivilen und militärischen Zielen unterscheiden" , betonte der Präsident des Internationalen Roten Kreuzes, Jakob Kellenberger.

Die Hilfsorganisation CARE konzentriert sich momentan darauf, im Nordwesten Beiruts zu helfen. Allein in der Hauptstadt müssen 100.000 Flüchtlinge versorgt werden. Einige von ihnen kamen bei Verwandten unter, andere campen unter freiem Himmel in Parks oder sind in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen oder Hallen untergebracht. Die hygienische Lage verschlechtere sich von Tag zu Tag, so Jamann. "Es gibt weder genügend sauberes Wasser, noch Latrinen, Seife, Kleidung, Decken oder Matratzen. Wir planen, Wasseraufbereitungsanlagen dorthin zu schaffen. Durchfallerkrankungen sind sehr wahrscheinlich, aber drastische Epidemien drohen dort zunächst nicht."

Am Dienstag haben endlich sechs Lastwagen des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR Beirut erreicht. Die Zelte, Decken, Matratzen und Kocheinheiten wurden dringend erwartet, da die Vorräte aufgebraucht waren. In der jordanischen Hauptstadt Amman warten außerdem zwei Transportmaschinen mit weiteren Hilfsgütern auf die Startgenehmigung.

Martin Glasenapp, Nahrungskoordinator der Hilfsorganisation Medico International e.V., sieht in der unklaren Haltung der Staatengemeinschaft einen direkten Zusammenhang zur humanitären Katastrophe, die im Libanon bevorsteht. "Wir brauchen dringend eine politische Lösung." Aber auch nach einem Waffenstillstand sei die humanitäre Lage nicht schlagartig zu verbessern. "Wenn keine Gefahr mehr droht, könnte ein Großteil der Flüchtlinge in den Süden zurückkehren, aber 20 Prozent würden keine Behausung mehr vorfinden", schätzt DR. Wolfgang Jamann von CARE.

Die vier großen deutschen Hilfsorganisationen beklagen in einem gemeinsamen Appell das Ausbleiben von Spendenmitteln für die Flüchtlinge im Libanon. In der ZEIT fordern Caritas, Deutsches Rotes Kreuz, Diakonie und Unicef die Bundesbürger zur Hilfe auf. "Es fehlt an Geld. Der Nahost-Konflikt ist uns Europäern so nahe wie kaum ein anderer Krisenherd auf der Welt. Trotzdem löst das Leid der über 900.000 libanesischen Flüchtlinge, fast die Hälfte davon Kinder, keine große Hilfsbereitschaft aus wie bei anderen Katastrophen", heißt es in der gemeinsamen Erklärung, die erstmals in der ZEIT veröffentlicht wird. Der Hilfeaufruf für die Menschen im Libanon dürfe nicht verstanden werden "als einseitige politische Stellungnahme", heißt es in der von den Führungen der Organisationen gemeinsam unterzeichneten Erklärung. "Auch die UN- und Hilfsorganisationen sehen die Bedrohung Israels durch terroristische Angriffe und das Leid der israelischen Zivilbevölkerung. Aber im Libanon droht eine humanitäre Katastrophe. Caritas international, Deutsches Rotes Kreuz, Diakonie Katastrophenhilfe und Unicef appellieren deshalb gemeinsam als Aktionsbündnis Katastrophenhilfe, der Zivilbevölkerung im Libanon zu helfen."

SPENDENKONTEN

Caritas international
Konto-Nr. 202
Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe
BLZ: 660 205 00
Stichwort: Naher Osten

Deutsches Rotes Kreuz
Konto-Nr. 41 41 41
Bank für Sozialwirtschaft Köln
BLZ: 370 205 00
Stichwort: Nahost

Diakonie Katastrophenhilfe
Konto-Nr. 502 707
Postbank Stuttgart
BLZ: 600 100 70
Stichwort: Naher Osten

Unicef
Konto-Nr. 300 000
Bank für Sozialwirtschaft Köln
BLZ: 370 205 00
Stichwort: Libanon