Irgendwann kam der Tag, an dem es galt, den Fingersatz für die rechte Hand, erste Wiener Sonatine, Allegro Brillante, mit den Möglichkeiten meiner Finger in Einklang zu bringen.

Meine Finger waren mit Fingersätzen schon mal gründlich vertraut gewesen, vor Jahrzehnten, zu einer Zeit, da ich weder ihre Beweglichkeit an einer Computertastatur ruiniert hatte noch beim Spiel ständig unterbrochen wurde, weil ein Kind in die Tasten griff, um sich meiner Aufmerksamkeit zu versichern. Das Allegro Brillante verträgt keine dumpfen Vielklänge im Bass, die kleine Hände der Konkurrenz halber zu Gehör bringen wollen.

Klavierspielen: die unablenkbare Konzentration auf das Schöne. Mein Alltag: Inbegriff der fortwährenden Ablenkung von jedwedem Allegro Brillante.

Aber irgendwann merkt man, dass Überbeschäftigung eine Ausrede ist, um sich nicht mit Fingersätzen aufhalten zu müssen, eine Ausrede, um sich nicht vom Klavier merkwürdig angucken lassen zu müssen und auch von keinem Menschen. Irgendwann sind Kinder so groß, dass sie selbst an Fingersätzen feilen oder die Geige ans Kinn halten. Irgendwann bildet man sich fest ein, der russische Geigenlehrer, die russische Klavierlehrerin der Kinder sähen einen mit höflich kaschierter Enttäuschung an: Als gehöre man unwiderruflich zu jener Kaste von Leuten, die zwar Bildung für ihre Kinder einkaufen, aber kein Fis von einem Gis unterscheiden können und schon gar kein Allegro Brillante zustande bringen.

Das fühlt sich nicht gut an. Ein Einkäufer zu sein mit Geldbeutel für den Distinktionsgewinn und ansonsten unmusikalisch, das ist eine Figur, die niemand in den Augen eines russischen Lehrers abgeben will, eines Künstlers, der von Kind auf an für die Musik lebt und nun in deutschen Städten von Haus zu Haus zieht. Das ist, als schickte man seinen Nachwuchs aufs humanistische Gymnasium, ohne einen Schimmer zu haben, was an Plautus oder Terenz so komisch ist. Das ist, als simuliere man das Edle, Wahre und Gute. Im Herzen tonlos, aber beflissen in Sachen Vorteilsakquise. Gewieft in der Anhäufung von kulturellem Kapital, natürlich nur zum Wohle der Kinder.

Als ich ein Kind war, hatte ich eine italienische Klavierlehrerin, eine Pianistin, die hatte im Herzen Musik, war im Herzen gebildet, und was ein Distinktionsgewinn ist, war mir unbekannt. Ich konnte den Tag der Klavierstunde nie abwarten, ich verbrachte die Nachmittage am Klavier, ich wollte nicht einsehen, dass eine Stunde vorbei war und dass ich den Klavierschemel räumen musste. Kein Mensch hätte mir sagen müssen, dass Klavierspielen Arbeit und eine Anstrengung sei. Musik war Musik. Dann starb die Lehrerin, und es wurde sehr still. Eine andere kam, die sagte Mal um Mal, dass Klavierspielen eine Arbeit und eine Anstrengung sei, und wenn ich mich auf den Schemel setzte, schwitzten mir die Hände. Was das Klavier an Lauten hergab, glich dem Fauchen der Katze, die einer nicht zu streicheln versteht. Bald glaubte ich, pubertätsgeschüttelt, dass viele bloß Klavier spielten, weil sich das so gehörte, weil das gut ankäme. Ich sammelte unterdessen politische Bildung zusammen und war mir bald sicher, dass das deutsche Bürgertum sich mit Geist und Musik davor gedrückt hatte, passable Staatsbürger abzugeben.