Tom Reynolds, ein früherer Radiomoderator aus Los Angeles, leidet an einem Trauma. Seit seiner Kindheit deprimieren ihn manche Musikstücke. Er will sich nicht an sie erinnern, aber er kann sie auch nicht vergessen. Deshalb hat er sich nun aufgeschwungen und die offene Auseinandersetzung mit dem musikalisch Niederdrückenden gesucht.

Um zweierlei geht es ihm: Da sind die melancholischen Lieder, die ihn schwermütig machen, an vergangenen Liebeskummer denken lassen, Musik für lange Sommernächte und einsame Winterabende. Zum anderen aber sind sind da die Lieder, die ihn deprimieren mit ihrem Pathos und ihrem Unvermögen. Ihretwegen, schreibt er, habe er sein Radio vor langer Zeit abgeschaltet. Um diese Hör-Erfahrungen endlich zu verarbeiten, stieg er ein Jahr durch die Abgründe der Musikgeschichte. Und kehrt mit seinen „52 deprimierendsten Songs aller Zeiten“ zurück. Von ihnen erzählt er in seinem nun auch ins Deutsche übersetzten Buch I Hate Myself And Want To Die.

Das Umschlagsbild führt zunächst in die Irre: Tiefe Augenringe zeichnen das Gesicht eines Comic-Mädchens; mit einem Rasiermesser umspielt es das Handgelenk; aus einem Grammophon wuchert Stacheldraht und windet sich zu wilden Girlanden. Dazu der Titel, wie mit Blut geschrieben. Man fühlt sich auf Heavy-Metal, Gothic und Dark-Wave eingestimmt. Stattdessen liest sich das Inhaltsverzeichnis wie ein Querschnitt sämtlicher Schnulzensammlungen. Celine Dion und Barry Manilow sind dabei. Mariah Carey und Barbara Streisand. Phil Collins und Bonnie Tyler. Dazwischen tummeln sich die Eintagsfliegen aus fünfzig Jahren amerikanischer Pop-Musik. Kennt noch jemand Mark Dinning? Janis Ian? Frank Wilson? In dieser Gesellschaft wirken Joy Division, Nine Inch Nails und The Cure geradezu exotisch.

Was diese 52 Songs auszeichnet, macht Reynolds auf seine Weise klar: Nach jedem von ihnen wolle man sich „eine 9mm in den Mund stecken“. Er gliedert sein Buch in in zehn Kapitel, die kuriose Namen tragen wie „Ich starb als Teenie bei einem Autounfall“, „Ich blase Trübsal, also bin ich“ oder „Sie hasst mich, ich hasse sie“. Jedes Lied behandelt er nach dem gleichen Schema. Zuerst erzählt er die Entstehungsgeschichte, dann betrachtet er den Text und die Musik, und zuletzt beantwortet er die Frage nach der deprimierenden Wirkung.

Dazu zieht er ein paar bekannte theoretische Begriffe hervor und fügt seinerseits ein paar eigene hinzu. Wie zum Beispiel den „hirnerschütternden Tonartwechsel“, der sich in fast allen besprochenen Songs finden lasse. Artig setzt er Fußnoten und erklärt dem Leser sogar die „dorische Tonleiter“. Klingt nach Wissenschaft? Reynolds parodiert nur die Form. Jeder Satz soll ein Lacher sein.

Zu Anfang funktioniert das. Die einleitende „Anatomie der Melancholie“ streift die Antike, den Wilden Westen und den Zweiten Weltkrieg; Homer und Aphrodite finden sich charakterisiert als Vorgänger von Tom Waits und Patti Smith. Der Autor erzählt pointiert von seinen Kindheitserlebnissen mit dem Lied Gloomy Sunday – sein Einstieg in die Welt der „Depri-Songs“. Sein Wissen über Musik habe er seinen Eltern zu verdanken, die zu jeder Familienfeier Platten auflegten und quer durch ihre „radikale Sammlung“ tobten. In ihrer Leichtigkeit erinnern die ersten Seiten des Buches ein wenig an die Prosa von Nick Hornby.