Dürrezeit in den Musikfeuilletons: Man füllt das Sommerloch mit Festivalberichten und Nachrufen. Zudem gibt sich Wiglaf Droste in der taz als Fan des amerikanischen Musikers Tom Petty zu erkennen. Die aktuelle CD Highway Companion zeige Petty als "vitalen Klassiker mit genauem Sensorium". Droste erinnert sich an die Ursprünge seiner Begeisterung: "Als ich Tom Petty das erste Mal sah – es war die Fernsehaufzeichnung eines Konzerts der Band Tom Petty And The Heartbreakers – , stand da ein schmaler, ja schmächtiger Mann mit Gitarre am Mikrofon, weißblond, fahl und so mager, dass ich glaubte, ihn auf der flachen Hand wegtragen zu können. Die Augen hatte er zusammengekniffen, er sah aus wie ein bekifftes Kaninchen. Dann fing der Mann an zu singen: It`s alright if you love me, it`s alright if you don’t… Es folgte eine unglaublich langsame, laszive Version von Hit the road, Jack, and don’t you come back, no more, no more, no more… – ein genussvoll ausgebreitetes Tschüssikowski! Seitdem habe ich Tom Petty nie wieder unterschätzt."

Der Rolling Stone hat den Musiker vor seiner letzten großen Tour getroffen. Im Gespräch mit Neil Strauss macht Tom Petty seinem Ärger über die Unterhaltungsindustrie Luft: "Es ist inzwischen alles so wahnsinnig medienorientiert. Es ist fast, als würde man dafür bestraft, dass man eine Platte gemacht hat. Das Internet, Satellitenradio, Satellitenfernsehen – es gibt zu viele Medien und zu viele Promotionkanäle. Mehr jedenfalls, als ich bedienen will, das sage ich Ihnen. Dieses Interview ist das letzte, weil ich auch ein Leben zu leben habe. Ich kann nicht jeden Tag damit zubringen, die Bedürfnisse der Plattenfirma oder der Medien zu erfüllen, um die Platte zu promoten."

Ebenfalls Thema im Rolling Stone : die Funk- und Soul-Ikone James Brown , der Pop-Großmeister Sufjan Stevens und der Download-Markt. Ladeplattformen wie iTunes gewinnen immer mehr an Bedeutung. Doch vielen Veteranen des Popgeschäfts widerstrebt die Online-Vermarktung. "Während viele Independent-Künstler nur online in der Lage sind, ihre Werke zu veröffentlichen, sehen bekanntere Namen das Geschäft noch immer mit gemischten Gefühlen", schreibt der Rolling Stone . "Aber: Allmählich kommt auch den Abtrünnigen die Erkenntnis, dass die technologische Revolution auf tradierte Werte herzlich wenig Rücksicht nimmt. So haben die Rolling Stones 2005 ihren kompletten Katalog online verfügbar gemacht, ebenso die Dave Matthews Band . Scheinbar wurde die neue Parole ausgegeben: Join them! "

Einblick in sein Schaffen gewährt Sufjan Stevens ein paar Seiten weiter. "Ich schreibe beim Reisen keine Songs", sagt er. "Ich schaue und beobachte, ich höre und fühle, wenn ich herumreise. Es ist wichtig, die Welt mit all seinen Sinnen wahrzunehmen, anstatt sie möglichst schnell auf ein Kunstwerk zu verkleinern. Es gibt viele Dinge, die viel zu großartig sind, um in einem Kunstwerk Platz zu haben. Ich schreibe meine Songs lieber zu Hause in meinem Zimmer. In Isolation."

Stevens hat mit Alben wie Illinois oder Greetings from Michigan auf sich aufmerksam gemacht. Beide sind Teile eines Großprojekts. Der Musiker möchte jedem einzelnen amerikanischen Bundesstaat ein komplettes Album widmen. Er schreibe trotzdem nicht über die "Vereinigten Staaten von Amerika, sondern über die Vereinigten Staaten von Sufjan Stevens". Ausgangspunkt für die Konzeptalben ist eine fundierte Recherche. Das musikalische Ergebnis gehört zum Spannendsten, was die Popmusik zurzeit zu bieten hat. Das gerade erschienene Album The Avalanche legt davon Zeugnis ab. Im Rolling Stone liest sich das so: " The Avalanche ist weitaus mehr als eine Sammlung zusammengekehrter Outtakes, es scheint eher eine Art Überbau zu sein, der Stevens’ Arbeitsweise, seine Motivation und Weltanschauung deutlicher zeigt als irgendeines seiner anderen Alben." Nachschub soll es schon bald geben: Stevens plant eine CD-Box mit Weihnachtsliedern: klassische und selbst komponierte. Hallelujah!

Ein großer Fan der schwarzen Musik ist der amerikanische Schriftsteller Jonathan Lethem . Romane wie Die Festung der Einsamkeit und, in geringerem Maße, Motherless Brooklyn erzählen davon. Im Rolling Stone widmet Lethem James Brown einen zwölfseitigen Artikel. Und, welch Glück, er durfte den Großvater des Soul dafür sogar treffen und aus nächster Nähe beobachten. "Als James Brown den Raum betritt, wird aus dem Studio eine Bühne. Es ist nicht nur die Aufmerksamkeit, die überall dort, wo dieser Mensch auftaucht, sofort an Schärfe zunimmt. Das Ganze erinnert eher an ein Physik-Experiment in der Schule. In der Luft tauchen plötzlich Kraftlinien auf, die sich neu anordnen, neu ausrichten. Die Band, die Zugucker, sogar der Sauerstoff, jedes kleinste Teilchen wird aufgeladen und orientiert sich am Gravitationsfeld von James Brown. Wir alle warten, dass etwas passiert, und dieses Warten ist an sich schon eine Geschichte, eine emotionale Dynamik: Wir brauchen etwas von diesem Mann, und im Gegenzug erwartet er etwas von uns, etwas, das wir möglicherweise nicht in vollem Umfang erfüllen können."

Weitaus schüchterner als James Brown ist Kurt Wagner. Zusammen mit seiner Band Lambchop wird er vielleicht gerade deswegen in Kritikerkreisen verehrt. Wenn Musikjournalisten eine Liste mit den großen Alben der vergangenen beiden Jahrzehnte aufstellen, findet sich meist irgendwo auch etwas von Kurt Wagner: Sei es Nixon , Is A Woman – das Karl Bruckmaier von der Süddeutschen Zeitung einmal als eines der besten Alben der Popgeschichte bezeichnete – oder das jüngst erschienene Album Damaged .