Der Waffenstillstand und der schrittweise Rückzug der israelischen Armee wird von Hisbollah als Sieg verkauft, nach dem Motto: Wer nicht verloren hat, hat gewonnen. Das beste Heer der Region, mit hochtechnologischen Waffen ausgerüstet, erwies sich als unfähig, einige Tausend Kämpfer der Hisbollah-Miliz zu neutralisieren. Nach vier Wochen schwerer Bombardierungen der "Hisbollah-Hochburgen", wie es jeden Tag in den Meldungen der Nachrichtenagenturen zu lesen war, bleiben Haifa oder Tel Aviv weiter von Raketen bedroht.

Fakt ist: Selbst wenn Hisbollah mehr geschadet wurde, als sie zugibt, stellt die Miliz nach wie vor eine Gefahr für Israel dar. Die Verhältnisse, die vor dem Krieg existierten und die zum Krieg geführt haben, bleiben völlig unverändert. Hisbollah ist weiter präsent. Die Miliz genießt eine noch stärkere Unterstützung der schiitischen Bevölkerung, und ihr Führer Nasrallah gilt nun als Vorbild in der arabischen Öffentlichkeit – selbst wenn seine Aktion von den arabischen Regierungen scharf kritisiert wurde.

Die Hisbollah mag sich als Sieger sehen – der Libanon hat verloren. Der Krieg hat die Machtlosigkeit der libanesischen Regierung deutlich gemacht. Nasrallah kann beschwören, der Sieg sei einer der gesamten libanesischen Nation. Wenn sie nur existieren würde. Das Land ist keinesfalls einig, und letztlich stehen nur die Schiiten hinter Hisbollah. Eine große Mehrheit der Christen oder der Drusen betrachten die "Partei Gottes" nur als Vertreter der irano-syrischen Interessen im Land. Der von Hisbollah verursachte Krieg hat lediglich dazu geführt, die verschiedenen Lager innerhalb Libanon zu polarisieren.

Die Waffenruhe – wie lange? – und der Einsatz internationaler Truppen bedeuten zwar das Ende der materiellen Zerstörungen im Libanon, sie eröffnen aber eine Zeit der Ungewissheit. Nach der UN-Resolution 1701 sollen die militärischen Gruppen im Libanon entwaffnet werden. Man weiß aber nicht, wer Hisbollah dazu bringen soll, die Waffen niederzulegen, und mit welchen Mitteln. Die libanesische Regierung soll ihre Autorität auf das gesamte Staatsgebiet ausdehnen – mit einer Hisbollah, die sich als Schützer des Libanons gegen Israel versteht?

Solange Hisbollah darauf beharrt, Waffen zu besitzen, werden alle Fragen, die sich vor dem Krieg stellten, unbeantwortet bleiben, was die Stabilität des Libanons und der Region anbelangt. Am 7. August rief der Kolumnist Ibrahim Abu Heija in der Hamas-Zeitung Al-Risala die palästinensische Bewegung auf, die dritte Intifada zu initiieren, als Folge des Siegs von Hisbollah über Israel. So weit die Bilanz dieses absurden Krieges.

Der Krieg im Libanon. Eine Sonderseite