Es war klar, dass in Israel am Tag danach der kritische Blick nach Innen gerichtet werden würde. Was bisher allenfalls leise in den Wohnzimmern besprochen wurde, kommt jetzt laut in den Medien zur Sprache: Warum ist der Krieg so und nicht anders verlaufen? Warum hatte es die Armee auch noch nach einem Monat nicht geschafft, Hisbollah in die Knie zu zwingen? Hatte man von Anfang an zu viel Vertrauen in die Luftwaffe gesetzt, deren Super-Technologie aber letztlich einer professionellen Guerilla nicht viel anhaben konnte? War die Armeeführung zu arrogant, was die eigene Stärke anging, oder hat man die Waffengewalt Hisbollahs unterschätzt? Versagten die Nachrichtendienste? Ließ sich ein unerfahrenes ziviles Führungstrio (bestehend aus Ehud Olmert, Amir Peretz, Zipi Livni) überstürzt ins Kriegsgeschehen ziehen? Was ist von den hochgesteckten Zielen des Ministerpräsidenten, der Hiszbollah den Garaus machen wollte, übrig geblieben?

In einer Zeitungskarikatur empfängt ein kleiner Junge seinen Vater, der gerade von der Front zurückkehrt, mit der Frage: "Haben wir gewonnen?" Die Tatsache, dass es keinen klaren Sieger gibt, trägt zur allgemeinen Unzufriedenheit bei: Eine Mehrheit der Bevölkerung findet, dass man die Bedingungen des erreichten Waffenstillstands hätte ablehnen sollen. Schließlich ist dort von der Entwaffnung Hisbollahs nicht die Rede. Wofür sind so viele Soldaten gestorben, wofür hat die viel gerühmte Heimatfront einen Monat in Bunkern ausgeharrt, wenn der Gegner jeder Zeit wieder zuschlagen kann? Nach einer Umfrage fordern 67 Prozent der Bevölkerung eine Untersuchungskommission, die sich mit dem Kriegsmanagement beschäftigen soll.

Als wäre das alles nicht schon genug, hat nun auch Generalstabschef Dan Halutz seine eigene persönliche Affäre am Hals. In den kritischen Stunden vor Kriegsbeginn – nach der Entführung zweier Soldaten am 12. Juli – fand er die Zeit zu einem Telefongespräch mit seinem Bankier und wies ihn an, Aktien zu verkaufen. Nun wird sein Rücktritt gefordert und all jene, die immer schon Bedenken hatten, einen – von der Realität abgehobenen – arroganten Luftwaffenmann an die Spitze der Armee zu setzen, fühlen sich bestätigt.

Auch in anderer Hinsicht. Jetzt stellt sich erst heraus, wie sehr die Bodentruppen vernachlässigt wurden. Reservesoldaten, die inzwischen wieder nach Hause gekehrt sind, beklagen sich über mangelndes Training und mangelnde Ausrüstung. Ein hochrangier Berufsoffizier erklärt dies mit den drastischen Budgetkürzungen vor acht Jahren. "Seither waren wir in Armee mehr mit der Frage nach dem eigenen Überleben beschäftigt, damit, wie wir die guten Leute halten können, als mit Training und Vorbereitungen für den nächsten Krieg." Zudem habe man sechs Jahre lang ausschließlich in den palästinensischen Gebieten gekämpft. Eine Generation von Reservisten im Alter von 26 bis 28 Jahren kenne nur den Krieg in den Feldern von Gaza und Dschenin. "Unsere Bodentruppen waren nur für den Krieg gegen die Palästinenser vorbereitet." Und "wenn Reservesoldaten in Kriegszeiten zudem entdecken, dass die Regale leer sind, weil keine Ausrüstung gekauft wurde, dann fühlen sie sich zurecht frustriert. Sparen ist ein wichtiger Wert, aber in unserer Nachbarschaft muss man wachsam bleiben."

Nur wenige Israelis stellen die Notwendigkeit und die Legitimität des Krieges gegen Hizbollah infrage. Gefordert wird vielmehr eine Überprüfung aller bisherigen Grundfeste, um für den nächsten Krieg besser gerüstet zu sein. Dass er kommen wird, daran zweifelt kaum einer.