Mehr als eineinhalb Jahre nach der Hartz-IV- Reform zerfällt der deutschen Arbeitsmarkt nach Einschätzung von Fachleuten zunehmend in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: In jene Gruppe, die nach dem Jobverlust rasch wieder eine neue Stelle findet und jene, die nach länger zurückliegender Kündigung immer tiefer im Strudel der Arbeitslosigkeit versinkt - und kaum noch eine realistische Chance auf einen neuen Arbeitsplatz hat.

Die Zahlen sprechen für sich: Hatte bis zum Start der Hartz-IV-Reform im Januar 2005 der Anteil der Langzeitarbeitslosen noch bei 35,3 Prozent gelegen, war er im Juli 2006 auf 42,9 Prozent geklettert. Ein Blick auf die Vermittlungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) offenbart die Gründe dafür. Nur 16 Prozent aller von den örtlichen Arbeitsagenturen vermittelten Jobs gingen von Januar bis Ende Juni an Langzeitarbeitslose, 84 Prozent hingegen an Männer und Frauen, die erst vor kurzem ihre Arbeit verloren hatten.

Öffentlich aufs Tapet brachte BA-Chef Frank-Jürgen Weise das Problem der "Zweiteilung des Arbeitsmarkts" erstmals bei der Bekanntgabe der März-Arbeitslosen. Damals hatten seine Statistiker festgestellt, dass zwar die Zahl der Arbeitslosengeld-I-Empfänger seit März 2005 um 510.000 gesunken war, die Arbeitslosengeld-II-Empfänger von dem sich andeutenden Aufschwung aber nicht im geringsten profitierten; im Gegenteil. Ihre Zahl war binnen Jahresfrist sogar um 220.000 gestiegen. "Wer einmal arbeitslos ist, kommt immer schwieriger raus", stellte Weise nüchtern fest.

Nach der Erfahrung der Arbeitsgemeinschaft Nürnberg (Arge) gehören vor allem ältere ausländische Arbeitnehmer ohne Berufsausbildung zu den schwer vermittelbaren Arbeitslosen. Manche hätten früher bei AEG, Bosch oder Grundig gut bezahlte Jobs gehabt, berichtet der stellvertretende Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft, Claus- Dieter Rückel. "Aber die von ihnen früher ausgeübten einfachen Tätigkeiten sind inzwischen ins Ausland verlagert." Von den derzeit 20.000 Arbeitslosen im Bereich der Arge Nürnberg hält er rund 5.000 bei der derzeitigen wirtschaftlichen Lage nicht für vermittelbar.

Eine weitere große Gruppe sind nach Erfahrungen der Bundesagentur für Arbeit jene, die sich schon seit Jahren in einem Leben als Sozialhilfeempfänger eingerichtet haben. Untersuchungen der BA hätten ergeben, dass rund 300.000 Arbeitslosengeld-II-Bezieher noch nie in ihrem Leben einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach gegangen seien, berichtete eine BA-Sprecherin. Weitere 300.000 hätten in den vergangenen sechs Jahren keinen regulären Job gehabt.

Selbst bei BA-Chef Weise, der noch vor wenigen Jahren vorwiegend Maßnahmen befürwortete, die Arbeitslosen die Rückkehr auf eine reguläre Stelle in der Wirtschaft versprach, hat inzwischen ein Umdenken eingesetzt. Vorschlägen der schwarz-roten Bundesregierung für einen staatlich finanzierten so genannten dritten Arbeitsmarkt steht der BA-Chef nicht mehr ablehnend gegenüber. Derzeit erarbeitet eine Arbeitsgruppe im Arbeitsministerium einen entsprechenden Vorschlag.

Noch sind die Vorstellungen eines solchen Modells nur vage erkennbar. Vom bereits bestehenden zweiten Arbeitsmarkt soll er sich dadurch unterscheiden, dass er für Betroffene eine unbegrenzte sozialversicherungspflichtige Anstellung vorsieht. ABM-Maßnahmen als bekanntestes Element des zweiten Arbeitsmarktes sind meist auf ein Jahr befristet. Nach Berechnungen der BA kämen rund 400.000 Langzeitarbeitslose dafür in Frage. Realistisch sei ein solcher Arbeitsmarkt aber nur, wenn die Kosten dafür nicht höher ausfallen als das gezahlte Arbeitslosengeld samt Zusatzleistungen.