Wie konnte es geschehen, dass junge Muslime, geboren in Großbritannien, oder zumindest dort groß geworden und mit der britischen Staatsbürgerschaft versehen, zu Selbstmordattentätern wurden? Diese Frage wird nun abermals gestellt, nachdem ein Blutbad abgewendet wurde. Abermals deshalb, weil die gleiche Frage vor 13 Monaten auftauchte, nachdem sich 4 junge Briten muslimischer Herkunft mit ihren Opfern in die Luft gesprengt hatten.

Die einfache Antwort, die nicht wenige erwarten, lautet "Irak" und der Krieg gegen Saddam Husseins Regime. Der Irakkrieg mag die Täter zusätzlich angestachelt haben; doch selbst wenn man den Kampf gegen Saddam Husseins Regime für falsch hielt – wie soll man sich gegen die Meinung wehren, dass auch der Krieg gegen die Taleban unrechtmäßig sei und Teil der westlichen Unterdrückung der Muslime darstellt.

Auch übersieht man die Tatsache, dass bereits in den 90er Jahren tausende von jungen britischen Muslimen in die Ausbildungslager von al-Qaida aufbrachen, in Tschetschenien, Pakistan und Afghanistan, lange Zeit selbst vor dem Datum des 11.9.2001.

Nein, das Bild ist komplizierter und betrüblicher zugleich. Der Westen wird abgelehnt, samt seiner demokratischen Verfassung und seiner Auffassung von Menschenrechten. Laut einer jüngsten Umfrage sollen ein Drittel der muslimischen Jugendlichen in Großbritannien ein Leben unter der Sharia vorziehen – die Flucht in die Religion als Rückzug vor der modernen Welt. 33% träumen von der islamischen Republik, von der religiösen Herrschaft statt Demokratie. "Die Integration ist zu Ende", befand der Moderator John Snow der Sendung auf dem 4. Kanal, die zufällig einige Tage vor dem geplanten Terrorakt ausgestrahlt wurde und sich die Aufgabe gesetzt hatte, die Stimmungslage der Muslime einzufangen.

Der Journalist zog es vor, die Auffassungen, die er vernommen hatte, als "separatistisch" zu bezeichnen – in Ermangelung eines besseren Wortes. Die in England lebenden Muslime sind von den Verschwörungstheorien überzeugt, die durch die islamische Minderheit geistern: 50% glauben, was den 11.9.2001 betrifft, an ein Komplott von Bush und den Israelis; gleich 75% sind der Auffassung, dass Prinzessin Diana vom Britischen Geheimdienst im Auftrag der königlichen Familie ernordet wurde.

Vor allem die jungen Muslime sind weniger integriert als ihre Väter und wenden sich stärker ihrer Religion zu, wenn sie nicht gleich der totalitären Versuchung erliegen und sie als Erlösung für die Welt betrachten.