Mein Chor ist nicht groß und nicht berühmt. Es ist bloß der Kirchenchor meiner Gemeinde – aber wir präsentieren große, berühmte Musik: Mozarts Requiem zum Beispiel mit seinem Dies Irae , das jedes Herz zum Zittern bringt. Oder die Kleine feierliche Messe, La Petite Messe Solennelle , die der leichtlebige Opernkomponist Rossini am Vorabend seines Todes schrieb, um noch schnell einen Fuß in die Himmelspforte zu bekommen. Dieses Stück liebe ich besonders, weil es spöttisch ist und tieftraurig in einem. Als ich mir den Mitschnitt unserer Aufführung anhörte, war die Musik ergreifender als bei allen professionellen Aufnahmen, die es von bedeutenden Chören zu kaufen gibt. Dabei sind wir nur 42 Sänger. Und es dauert immer recht lange, bis wir ein Projekt so gut einstudiert haben, dass wir uns damit an die Öffentlichkeit trauen. Ungefähr ein Jahr. Aber dann geben wir ein Konzert in unserer Kirche – und alle kommen von fern und nah und weinen.

Auch ich weine manchmal beim Singen, so sehr fasst es mich an. Dann verschwimmen mir die Noten vor den Augen. Aber das macht nichts, denn ich kann gar keine Noten lesen. Ich weiß nicht, ob unsere Kantorin das weiß, gesagt hat sie jedenfalls noch nichts. Noten sind mir durchaus nützlich, ich sehe an ihnen ob die Melodie ansteigt oder abfällt, ich kann schwierige Passagen
wiedererkennen am elenden Durcheinander der Achtel und Viertel. Aber wenn mir jemand
eine Arie oder auch bloß ein unbekanntes Volkslied in die Hand drückte mit der Bitte es vom Blatt zu singen, ich träfe nicht einen Ton.

Also stehe ich im Block der Sopranistinnen – ich bin Sopran – und singe auswendig mit. Am Anfang singe ich den anderen hinterher, aber bald sitzt mir die Melodie fest im Kopf und strömt aus mir heraus wo ich gehe und stehe. Besonders gut klingt sie in der Eingangshalle der Zeitung, für die ich schreibe. Dort herrscht die wunderbare Akustik eines Doms.

Der Sopran ist die beste Stimme für meinen Geschmack. Sie führt den Chor und schwebt über den anderen, den dunkleren Stimmen. Trotzdem ist auch der Sopran allein nichts wert. Manchmal – besonders bei den Fugen – ist das, was jede einzelne der vier Stimmen (Sopran, Alt, Tenor und Bass) singt und lange Zeit gesondert proben muss, sinnlos und fast atonal. Erst im Zusammenklang aller Register ergibt sich dann plötzlich eine Harmonie, und aus dem Tongewimmel, das unseren Mündern entflieht, erhebt sich eine herrliche Musik. Es gibt wenig, was mich so glücklich macht wie dieser Moment, da sich alles zum Sinnvollen, zum Schönen fügt.

Ich singe nicht nur gerne im Chor, ich höre auch am liebsten Chormusik, vor allem geistliche. Die Kantaten des Johann Sebastian Bach sind für mich melodiegewordener Trost. Seine Johannes- oder Matthäuspassion zu singen, wäre mir eine Ehre. Auch wenn ich den Passionen lausche, warte ich immer ungeduldig, dass der Evangelist zu Ende kommt oder die (mitunter großartigen) Arien verebben, und dann setzt er wieder ein: der gewaltige Chor. In den Bach-Passionen wird der Chor zum Lebewesen. Er kann alles verkörpern. Er ist innere Stimme, geifernde Volksmasse, brutaler Mob und Engelschoral. Manchmal gehen die Rollen nahtlos ineinander über. Als Kind hat mich das erschüttert.

Als ich klein war, bestanden meine Eltern darauf, dass ich ein Instrument erlerne. Zuerst hatte ich einen Geigenlehrer, der irgendwann entfloh, dann kam der Klavierlehrer, der bald kein Geld mehr wollte, weil keinerlei Fortschritt zu erkennen war, es folgten Flöten- und Querflötenstunden, auch einen Gitarrenlehrer mit ungeschnittenen Fingernägeln brachte ich zur Verzweiflung. Ganz zum Schluß kam eine Klarinettistin, die mich immerhin zwei Jahre bei der Stange hielt. Aber auch von dieser Kunst ist nicht viel geblieben. Heute bedaure ich meine Faulheit und meinen Unverstand. Heute staune ich über die Menschen, die sich an ein Klavier setzen und ihm Harmonien entlocken. Dann stehe ich daneben und kann gar nichts. Das einzige, was ich habe, ist meine Stimme. Eine sehr schöne, sehr volle Sopranstimme. Mit ihr mache ich jetzt Musik.

Mein Chor hat sich dieser Tage mit dem Chor der Nachbargemeinde für ein Projekt zusammengetan. Wir werden Händels Messias singen. Durch die Fusion sind wir über 80 Sänger – gewaltig wird es klingen. Mich freut das. Obwohl ich ein Individualist und ein Egomane bin, und obwohl ich eine so wunderschöne Stimme habe, hat mich das Vorsingen, das musikalische Sich-Hervortun nie gereizt. Im Gegenteil, es ist das Untergehen im großen Strom der Musik, was ich am Chorgesang so liebe. Alle Müh und alle Sorge, aber auch aller Geltungsdrang und alle Eitelkeit fallen von mir ab. Ich bin nur noch ein Instrument im großen Orchester. Nicht mehr als eine Biene im Schwarm, ein Stein im Mosaik, ein rauschendes Blättchen am Baum.