Worum ging es? Der deutsche Außenminister wollte am Dienstagnachmittag eigentlich von Jordanien in die syrische Hauptstadt weiterfliegen, um dort zu erkunden, ob sich das Land an der Suche nach einer Friedenslösung in Nahost beteiligen möchte. Schon während die Kämpfe im Libanon noch andauerten, hatte es entsprechende Kontakte zwischen Berlin und Damaskus gegeben. Durch seine Visite wollte Steinmeier ihnen nun quasi offiziellen Charakter geben und womöglich auch den Druck auf Syrien erhöhen, eine konstruktive Position einzunehmen.

Doch das durchkreuzte Präsident Assad am Dienstag. In einer kämpferischen Rede schloss er jeden Frieden mit Jerusalem aus, "denn Israel ist ein Feind", und er sprach von einem "siegreichen Widerstand" von Hisbollah im Libanon. Steinmeier nahm das zum Anlass, seinen Besuch kurzfristig abzublasen. Man könne nicht so tun, "als könnten wir solche Töne überhören", sagte er im ZDF zur Begründung. Er habe vor der Reise Anzeichen dafür gesehen, dass Damaskus zu einer konstruktiven Rolle im Nahost-Konflikt bereit sei. Aber Assad habe alle seine Fragen in der Rede öffentlich beantwortet, bedauerte der Minister.

Nun ist seit langem bekannt, dass Syrien Hisbollah unterstützt und dass es als deren Co-Patron (neben Iran) entscheidenden Einfluss im Libanon ausübt. Gerade deshalb möchten ja einige im Westen, darunter die Bundesregierung, das Land in einen Friedensprozess einbinden. Syrien befindet sich außerdem immer noch formell im Kriegszustand mit Israel, das seit 1967 die Golan-Höhen besetzt hält und sogar annektiert hat. Muss man, um ein älteres Bonmot zu bemühen, bei Friedensverhandlungen nicht gerade mit "Feinden" reden? Sonst bräuchte man sie wohl kaum.

Die Mehrheit der deutschen Zeitungen bringt dennoch Verständnis für Steinmeiers Selbstausladung auf. So schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung , die offenbar schon Steinmeiers Hoffnungen für überzogen hielt: "Assads Damaszener Brandrede, die auch innenpolitische Gründe hat, macht deutlich, auf welch lockerem Wüstensand all jene Gedankengebäude errichtet wurden, die bald schon Lösungen tragen sollten." Der Tagesspiegel wirft  Assad, auf dem ja einmal gewisse Hoffnungen im Westen geruht hatten, vor, er habe sich als "eifriges Ziehkind seines Mentors, Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah, und als würdiger Verbündeter von Irans Mahmud Ahmadineschad" gezeigt. "Deshalb war es nun an der Zeit, dass die Bundesregierung ihre Schmerzgrenze deutlich macht. Mit einem, der Israels Vernichtung propagiert, sollte sich weder ein deutscher noch andere europäische Außenminister an einen Tisch setzen."

Die Thüringer Allgemeine immerhin merkt an, dass Steinmeiers Schritt "den Verhandlungsspielraum in Nahost keineswegs größer" macht. Dennoch sei seine Haltung "konsequent", auch wenn sie einmal mehr die harte Position der USA und Israels bestärke. Die Stuttgarter Nachrichten rätseln, was Assad wohl gerade jetzt dazu veranlasst habe, in seine Hasstirade gegen Israel zu verfallen. "War es eine gezielte Provokation, die ganz bewusst auch die deutsche Regierung mit einbezog - nun, da klar ist, dass sich Deutschland an der Friedenstruppe im Libanon beteiligen wird?" Die Spekulation ist womöglich nicht unberechtigt, auch wenn es auf die Frage naturgemäß keine Antwort gibt.

Deutliche Kritik an der Entscheidung Steinmeiers übt dagegen das Handelsblatt : "Wer im Nahen Osten mitreden will, muss sich entscheiden: Entweder er hält Diskussionen mit allen Seiten für ohnehin sinnlos. Dann sollte er keine Vermittlungsreise nach Syrien planen. Oder aber er will auch mit denen reden, die im Nahost-Konflikt nicht die Position Israels beziehen oder ganz eigene Interessen verfolgen. Dann muss er mit Provokationen arabischer Despoten rechnen."