"Bitte Doktor, helfen Sie mir!" Diesen Satz hörte ich als junger Medizinstudent zum ersten Mal während der Semesterferien, als ich zwecks Essensausgabe zufällig ein Patientenzimmer betrat, in dem gerade eine Frau starb. Mulmig war mir beim Anblick der Sterbenden, Angst hatte ich vor meiner Hilflosigkeit. Ein echter Arzt war weit und breit nicht zu sehen, und mir blieben zwei Möglichkeiten: Das Essenstablett wieder auf den Wagen zurückstellen, unauffällig jemand anderen reinschicken und mich still und heimlich verdünnisieren. Oder bleiben.

Ich blieb. Blieb und näherte mich dem Bett der alten Frau, die nach Luft schnappte, die sich unruhig hin und her wälzte, die Gott anflehte, die sich aufbäumte, die von Gott abgeholt werden wollte. Als die Stationsärzte schließlich aufgeregt hinzukamen, war es wohl schon zu spät. Lunge absaugen und Herztöne messen, mehr war nicht mehr zu machen. Dann gingen sie wieder und ich blieb. Ich blieb, weil ich nicht gehen konnte. Ich blieb, weil ich wissen wollte, ob das Sterben wehtut, ob das ganze Leben in Sekundenschnelle Revue passiert und ob ich das in ihren leeren Augen mitverfolgen könnte. Sie hielt meine Hand. Ich hielt die ihre. Damals hätte ich mich wohl entschlossen, sie zu "erlösen", dem schmerzvollen Leid ein schnelles, ein erträgliches und vor allem ein würdiges Ende zu bereiten, hätte ich das Wissen und das Können dazu gehabt.

So aber blieb mir nur ihre Hand, durch die ich ihr etwas von meiner Wärme abgeben konnte. Sie starb friedlich, da war ich mir sicher. Ob die Patientin schon lange krank war? Ob sie chronische Schmerzen oder einen langsam tötenden Tumor in sich trug? Ob sie einen Verlust an Lebensqualität erfahren hatte, ob sie früher mobil, heute immobil, früher aktiv, heute zur Inaktivität verdammt war? Ob sie eine Belastung für ihre Angehörigen und Behandelnden war? Ob irgendjemand glaubte, dass sie nicht mehr leben wolle, und für sie ein schneller aktiver Tod besser sei? Oder ob es in ihrer langen Krankengeschichte Momente gab, in denen sie um den Tod flehte, die Lust am Leben und den Durst aufs Weiterleben verloren hatte, in denen sie um die erlösende Spritze bettelte, die sie aus dieser quälenden und hoffnungslosen Lage, einem nicht mehr lebenswerten Leben befreien könnte? Ich wusste es nicht.

"Bitte Doktor, helfen Sie mir!" , vernahm ich einige Jahre später wieder, als ich mich in einer Lehmhütte irgendwo fernab jeglicher Zivilisation in einer von der Menschheit vergessenen ländlichen Region Simbabwes befand. Zehn Quadratmeter Boden aus Beton, Wände aus Lehm, das Dach aus Stroh. In der Mitte ein kleines offenes Feuer, mit einem Topf, auf dem Wasser und Maismehl vor sich hinköchelten. Licht kam durch ein kleines Loch, das als Tür und Fenster diente. Tagsüber draußen brütend heiß und innen stickig, nachts bitterkalt und immer unerträglich. Ohne fließendes Wasser, ohne Licht, ohne richtige Kleidung. So nahm ich als erstes die vor dem Feuer auf dem nackten Boden kauernde Alte wahr. Ein faltiges, von langem Leiden geprägtes und schmerzverzerrtes Gesicht. Nach und nach erkannte ich auch zwei kleine Kinder, die mit einem Stück Pappe die zahllosen Fliegen von den offenen und faulenden Beinen zu verscheuchen versuchten.

Als sich meine Augen an die Dunkelheit und den Rauch gewöhnt hatten, sah ich noch zehn weitere Familienangehörige, die in der Schwärze undeutlich zu erkennen waren, und die sich dicht an die Wände drängten. Die Ernte sei wieder ausgefallen, erzählten sie dem Pfarrer, der mich hierhin mitgenommen hatte, das Essen auch in diesem Jahr knapp, die Hilfe von Außen wieder weniger und dann noch das ähnlich einem Buschfeuer sich ausbreitende Virus, das alles und jeden mit sich reißt. HIV. Medikamente gab und gibt es hier nicht, das nächste Krankenhaus ist zwei Tagesmärsche entfernt, seit Jahren konnte die Kranke nicht mehr laufen, "bitte Doktor, helfen Sie mir!"

Hierher verirrt sich nur äußerst selten ein Arzt. Hier ist die Familie zum Zusehen gezwungen, wie Stück für Stück das Leben diesen Körper verlässt. Die Frau starb. Sie starb langsam, und sie starb qualvoll. Keine Medikamente, keine ärztliche Hilfe, fehlendes Wissen und mangelnde Mittel der Angehörigen. Mittlerweile hatte ich sechs Jahre lang studiert, eine mündliche Prüfung trennte mich noch von der Approbation zum Arzt, aber ich war immer noch und wieder hilflos. Meine Paracetamol und meine heilende Hand konnten hier nichts mehr ausrichten. Ich konnte nur dableiben.