Nach den Festnahmen in und um London deutet alles darauf hin, dass die britischen Sicherheitsbehörden den potenziell folgenschwersten Terroranschlag seit dem 11. September 2001 vereitelt haben. Sechs Passagierflugzeuge sollten auf dem Weg in die Vereinigten Staaten gesprengt werden, berichten britische Medien. Innenminister John Reid sagte: "Die Polizei hat gestern Nacht eine großangelegte Anti-Terroroperation durchgeführt und damit, wie wir glauben, eine große Bedrohung von Großbritannien und seinen internationalen Partnern abgewendet."

Die mutmaßlichen Täter und ihre Tat erinnern an die Anschläge vom 7. Juli 2005 in der Londoner U-Bahn. Wieder seien, wie SkyNews berichtet, "überwiegend junge, in Großbritannien geborene Asiaten" am Werk gewesen. Rund 20 Verdächtige seien festgenommen worden. Und wieder wollten sie zeitgleich mehrere Bomben zünden.

Diesmal also wollten die " home-grown terrorists ", die hausgemachten Terroristen, offenbar dem Anschlagsmuster des 11. September 2001 nacheifern.

Sind " home-grown terrorists " nun eine britische Spezialität? Oder sind Attentäter aus der Mitte der Gesellschaft auch in Deutschland denkbar?

Aus zwei Gründen ist Großbritannien für diese Heimwerker-Variante von Neoterrorismus wohl besonders anfällig. Die Insel hat eine grundlegend andere Einwanderungsstruktur als Deutschland. Die meisten muslimischen Migranten stammen aus Pakistan, Bangladesch und (neuerdings) Somalia, also aus Ländern mit stark fundamentalistischen religiösen Strömungen. Zum anderen gilt Großbritannien in den Augen vieler Muslime als kriegsführende Vize-Weltmacht, als Europas USA. Eine Umfrage von Channel 4 ergab kürzlich, dass ein Drittel aller britischen Muslime im Alter zwischen 18 und 24 Jahren lieber unter der Scharia als unter dem britischen Gesetz leben würden.

In Deutschland hingegen stammt der überwiegende Teil der rund drei Millionen Muslime aus der Türkei, also aus einem streng laizistischen Staat. Damit, so hoffen jedenfalls die hiesigen Sicherheitsbehörden, dürften junge Muslime hierzulande weniger anfällig sein für radikal-religiöses Gedankengut.

Fragt sich bloß, ob es für junge Muslime, die die Religion als Identitätsmerkmal wiederentdecken, tatsächlich eine Rolle spielt, unter welcher staatlichen Ratio ihre Großeltern aufgewachsen sind. Die Geisteshaltung von im Westen "wiedergeborenen Muslimen" ist ja gerade deswegen so explosiv, weil viele junge Muslime ihre Religion gar nicht mehr richtig kennen gelernt haben. Stattdessen setzen sie ihr Islam-Verständnis ohne familiäre oder kulturelle Anleitung aus zweifelhaften Versatzstücken zusammen; aus Internetseiten, Chatrooms, den Lehren von windigen Wanderpredigern. Heraus kommt dann ein politisch vergiftetes, feindseliges muslimisches Wir-Gefühl.

Holland, beispielsweise, hat diese Art von home-grown- Extremismus ebenfalls kennen gelernt. Der Mörder des Filmemachers Theo Van Gogh hatte sich zum Verteidiger dessen aufgeschwungen, was er den Islam wähnte. Inzwischen sind mehrere Mitglieder der so genannten hoofdstadgroep wegen terroristischer Umtriebe vor Gericht gelandet. Diese Gruppe hatte sich im Umfeld des Van-Gogh-Mörders bewegt und Anschläge in der niederländischen Hauptstadt Den Haag geplant.

Dass solche Patchwork-Islamisten auch in Deutschland heranwachsen können, erscheint alles andere als ausgeschlossen.

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