Niemand unter Europas Regierungschefs mahnt so eindringlich, für Werte wie Freiheit und Demokratie einzutreten, wie Tony Blair. Keiner formuliert mit solchem Nachdruck, dass die zivilisierte Welt der Herausforderung des totalitären Islamismus gewahr sein müsse. Vor dem World Affairs Council in Los Angeles forderte er eine "weltweite Allianz der Mäßigung", in der  Christen, Juden und Muslime zusammenstehen müssten im Kampf gegen den Extremismus. Die Warnung Blairs wurde durch den vereitelten Terroranschlag nachhaltig unterstrichen.

Doch wie sieht es an der heimischen Front aus? Schließlich war Großbritannien von Frankreich und  Amerika, aber auch von deutschen Geheimdienstlern, jahrelang als "Londonistan" gebrandmarkt worden; als Land, im dem ein Abu Hamza jahrelang ein terroristisches Netzwerk von der Moschee in Finsbury Park aus knüpfen konnte, in dem sich fanatische Dschihadisten, Mullahs und Terrorgruppen unbehelligt tummeln durften, solange sie von Anschlägen auf britischem Boden absahen.

Nach den Anschlägen des 7. Juli 2005, verübt durch junge britische Muslime, hatte die Londoner Regierung einen Kurswechsel verkündet. Fortan würden "neue Spielregeln" gelten, sagte Blair. Notorische Hassprediger, die jahrelang ungestraft zum Heiligen Krieg gegen die "Ungläubigen" aufrufen konnten, sollten ausgewiesen, ausländische Terroristen abgeschoben, extremistische Gruppierungen verboten und Praktiken, die unvereinbar mit Menschenrechten und demokratischen Regeln sind, untersagt werden.

Good talk, but little action , lautet das Fazit. Wenig ist geschehen. Zwei extremistische Gruppierungen wurden kürzlich verboten, hatten sich aber vorher schon aufgelöst und unter anderem Namen neu formiert. Hizb-ut-Tahrir, die Kalifatspartei, in Deutschland und anderswo in Europa längst verboten, darf weiter ihren dubiosen Aktivitäten nachgehen.

Bedenklicher ist allerdings, dass die Ideologie fortlebt, die Londonistan prägte, dazu noch mit offizieller Billigung. Das enthüllen interne Dokumente, die aus dem britischen Außenministerium heraussickerten und in die Hände des Journalisten Martin Bright vom linken Magazin New Statesman gelangten. Einige aufgebrachte Diplomaten im Foreign Office wollten offenkundig nicht länger hinnehmen, dass ihr Ministerium einen Kurs der Beschwichtigung gegenüber extremistischen Muslimen verfolgt, während die schweigende Mehrheit moderater Muslime in Großbritannien ignoriert wird.

Bright veröffentlichte das Ergebnis seiner Recherchen in einer Schrift für die Denkfabrik Policy Exchange und in einer Fernsehdokumentation auf Channel 4 . Das britische Außenministerium versuchte vergeblich, die Ausstrahlung zu verhindern. Als graue Eminenz, die den Kurs des Außenministeriums in London maßgeblich bestimmt, wurde Mockbul Ali identifiziert, ein junger, 26 Jahre alter Akademiker, den der frühere Außenminister Jack Straw als Berater für islamische Angelegenheiten installiert hatte. Offenbar wusste der Minister nicht, dass Mockbul Ali in seinen Studentenjahren scharf islamistisch eingefärbte Artikel verfasst hatte. So begrüßte er nach dem 11. September 2001 "den Terrorismus als befreiende Kraft", um ein Jahr später, nach dem ersten Selbstmordattentat einer jungen Muslimin in einem israelischen Supermarkt, ihre "heroische Operation" zu preisen und sie als Vorbild "für jede palästinensische Frau" zu bezeichnen.