Jogi Löw war zur Stelle, als Jürgen Klinsmann vor fünf Wochen verkündete, sein Amt als Bundestrainer nicht weiter auszuüben. Ihm traute der Deutsche Fußball Bund zu, den Weg seines Vorgängers mutig und konsequent fortzuschreiten. Von seiner Kompetenz erhoffen sich Fans und Funktionäre die kontinuierliche Weiterentwicklung der deutschen Nationalmannschaft. Doch ist er in der Lage, diese Erwartungen zu erfüllen? Seine Erfolge werden mit denen seines Vorgesetztem verglichen werden. Die Messlatte ist nach den erfolgreichen Auftritten der Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft sehr hoch aufgehängt.

Vor dem Testspiel gegen Schweden am Mittwochabend könnte die Ausgangslage für das neue Zugpferd einfacher sein. Zwar ist die Partie gegen den Achtelfinalgegner Deutschlands von keinem hohen sportlichen Wert, aber die Augen der Medien werden sich auf Löw richten und die werden bewerten, wie er mit der neuen Herausforderung umgeht. Mehrere Probleme erwarten ihn in diesen Tagen. So fehlt unter anderem sein Kapitän Michael Ballack ebenso wie die eingespielte Innenverteidigung. Erst im Juni hat der damalige Assistent des Bundestrainers akribisch an dem Abwehrverbund der Nationalmannschaft gearbeitet und eine erstaunlich stabile Formation in das Turnier geschickt. Nun muss er mit anderen Spielern in wenigen Tagen das gleiche Kunststück vollziehen, wenn er die positive Stimmung rund um die Nationalmannschaft in die Europameisterschafts-Qualifikation übertragen will. Eine Niederlage könnte dem rückendeckenden Wind der Euphorie die Kraft nehmen.

Zudem droht Ungemach von einem der größten Sponsoren des DFBs. Adidas fordert, dass alle Spieler in Löws Kader mit dem Schuhwerk des Sportartikelherstellers auflaufen. Prekär dabei ist, dass mit Klose, Frings und Lehmann mehrere Leistungsträger und Identifikationsfiguren mit Nike-Verträgen ausgerüstet sind. Zwar ist ein angedrohter Boykott der Spieler abgewendet, aber der Konflikt schwelt weiter. Von Löw wird erwartet, dass er eindeutig Stellung bezieht und an einer schnellen Lösung des Problems mitarbeitet. Er muss seine soziale Kompetenz einsetzen und beweisen, dass er auch als Mediator seinen Job versteht.

Eine weitere große Baustellen im Konstrukt der Nationalmannschaft ist offensichtlich: Nach über einem Monat hat Löw noch keinen Co-Trainer. Die Medien bieten potenzielle Kandidaten für die Posten en masse an: Guido Buchwald, Horst Hrubesch oder Frank Wormuth. Doch der Freiburger lässt sich Zeit und kündigt an, erst in der kommenden Woche Gespräche mit Kandidaten führen zu wollen. Es droht mediale Ungeduld, sollte der Teamchef vor dem ersten wichtigen Spiel seiner Bundestrainerkarriere, dem Qualifikationsspiel gegen Irland am 2. September, immer noch alleine auf der Bank sitzen. Dann muss er beweisen, dass er den Pressefragen eine breite Brust bietet.

Dass Jogi Löw eine schwere Aufgabe übernimmt, dürfte ihm bei der Amtsübernahme klar gewesen sein. Der WM-Erfolg und das Euphorie-Hoch wird Jürgen Klinsmann gutgeschrieben, der clever genug war, sich umgehend zurückzuziehen. Die kommenden Spiele gehören nicht zum Höhepunkt, sondern zum Alltag des Bundestrainers. Und dieser Alltag kann grau bis dunkel werden, sollte die Nationalelf nicht erwartungskonform erfolgreich und attraktiv agieren.

Die Fans, die Medien und der DFB wünschen sich starke Persönlichkeiten. Löw, eher für seine sachliche Erscheinung bekannt, könnte unter der Aura seines Vorgängers zu leiden haben. Schließlich wird er sich dem direkten Vergleich seines ehemaligen Vorgesetzten aussetzen müssen, der mit seiner Ausstrahlung und seinem Positivismus nicht nur seine Spieler ansteckte, sondern auch die Medien zufrieden stellte.

Das Ergebnis des Spiels gegen Schweden wird sportlich wenig Bedeutung haben. Zu kurz ist die Vorbereitungszeit und zu unwichtig der Anlass. Aber es wird als der Auftakt der "Ära Löw" dennoch besondere Beachtung finden. Im Interesse des deutschen Fußballs hoffen wir auf einen gelungenen Einstand.

Die voraussichtliche Aufstellung

Lehmann Arne Friedrich, Nowotny, Manuel Friedrich, Lahm Schneider, Frings, Borowski, Schweinsteiger Klose, Podolski

Ort: Gelsenkirchen
Anpfiff: Mittwoch, 20 Uhr 30
Übertragung: ARD