Das Bekenntnis von Günter Grass, als Jugendlicher Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, hat auch in der internationalen Presse viel Beachtung gefunden, vor allem in Skandinavien und Osteuropa. Sein Schweigen ist das Problem, so urteilen die Kommentare in Europa fast einhellig, sowohl auf linksliberaler wie konservativer Seite. Zu letzterer zählt Aftenposten aus Oslo, die seine politischen Meinungsäußerungen nun ein wenig infrage gestellt sieht: "(...) als Aktivist in der Politik, in der er sich lange engagiert hat, wird er nun als weniger klug dastehen. Um es mal vorsichtig auszudrücken." Dabei ist aber festzuhalten, dass Grass in der Regel mit linken Positionen nach außen tritt.

Durchaus freundlich geht die ebenfalls konservative Berlingske Tidende aus Kopenhagen mit Grass um. Sie vermisst in der Diskussion in Deutschland die Nuancierung und vermutet zudem: "Der große Dichter und alte Haudegen Grass scheint bereit zum Streit." Ebenfalls in Kopenhagen ist die linksliberale Tageszeitung Information beheimatet, die sein langes Schweigen als Beweis dafür sieht, "dass er wirklich einen empfindlichen Punkt bei sich selbst und den Deutschen trifft".

Der Tages-Anzeiger in Zürich dagegen geht hart mit ihm ins Gericht: Unentschuldbar sei "sein Mangel an Demut bei der Aufdeckung seiner Lebenslüge. Grass hat die Mitgliedschaft in der Waffen-SS und im Nazisystem immer wieder thematisiert und damit die Frage nach Schuld, Moral und Verantwortung gestellt. (...) Er hat beurteilt und verurteilt. Sein eigenes Verhalten nahm der Scheinmoralist aber aus."

Das lange Schweigen stößt auch in osteuropäischen Zeitungen auf viel Kritik. Die Zeitung Mlada fronta Dnes aus Tschechien fühlt sich dabei an die Affäre des Österreichers Kurt Waldheim erinnert. Keine allzu große Bedeutung misst dagegen die Nowaja Gaseta aus Russland dem Geständnis bei: "Der außerordentlichen Reputation des Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass wird seine kurze Mitgliedschaft bei den Truppen der Waffen-SS in keiner Weise schaden. Zumal der zukünftige Klassiker der Weltliteratur am Ende des Krieges zu spät kam, um sich mit Blut zu beflecken ..."

ABC aus Spanien schließlich sieht für das lange Warten ganz profane, wenn auch wenig schöne Gründe: "Erstens hätte Grass, wenn er früher gesungen hätte, höchstwahrscheinlich nicht den Nobelpreis bekommen. Zweitens könnte Grass sein Eingeständnis dazu benutzt haben, für seine demnächst erscheinende Autobiografie zu werben." Fast alle Kommentatoren haben von Günter Grass ein festes Bild im Kopf: Er "galt als die höchste moralische Instanz Deutschlands", wie 24 Tschassa aus Sofia schreibt. Und müsse für sein langes Schweigen eben auch deswegen so viel Kritik einstecken. Darin aber liegen die Kommentare wahrscheinlich nicht mehr ganz richtig, denn die Zeiten haben sich auch ein wenig geändert. Oder, wie es die 32-jährige Schriftstellerin Juli Zeh gerade formuliert hat: "Die moralische Instanz, die Grass möglicherweise mal gewesen ist, ist er für die Generation über uns."

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