Mit dem Schlachtruf "Hier kommt der bolivarische Hurrikan!" hat Venezuelas Staatschef Hugo Chavez am Sonntag in der Hauptstadt Caracas den Wahlkampf um die Präsidentschaft eröffnet. Der 52–jährige Militäroberst beruft sich gern auf den Nationalhelden Simon Bolívar, der Teile Südamerikas im 19. Jahrhundert von der spanischen Kolonialherrschaft befreite. Am 3. Dezember strebt Chavez die Wiederwahl in dem ölreichen Land an.

Chavez versprach einen niveauvollen und ehrlichen Schlagabtausch mit den Oppositionskandidaten. Er werde die staatlichen Radio- und Fernsehsender nicht für Wahlkampfzwecke missbrauchen. Zugleich warnte Chavez die Opposition, sie werde die Wahl "nach einem Knockout auf der Krankenbahre verlassen".

Erst wenige Tage zuvor hatten sich die wichtigsten Oppositionsparteien auf einen gemeinsamen Kandidaten geeinigt. Acht Bewerber stellten sich hinter den Sozialdemokraten Manuel Rosales, bisher Gouverneur der westlichen Provinz Zulia. In Anspielung an die jüngsten Waffeneinkäufe der Regierung in Russland sagte Rosales am vergangenen Mittwoch, er werde "Kampfflugzeuge gegen Krankenhäuser und Schulen" eintauschen. Präsident Chavez hatte im Juli bei einem Besuch in Moskau Kampfjets, Hubschrauber und Waffen für mehr als 3 Milliarden US-Dollar bestellt.

Vor Journalisten sagte Rosales, Venezuela dürfe sich nicht auf einen "Fantasie-Krieg" einlassen. Präsident Chavez hat in der letzten Zeit immer wieder behauptet, die USA würden eine Invasion Venezuelas vorbereiten, um ihn mit Gewalt zu beseitigen. Mit den Waffen sollen auch Bürgermilizen, die so genannten bolivarischen Kreise, ausgerüstet werden. Beobachter fürchten eine zunehmende Militarisierung des Landes.

Chavez, der das Land seit acht Jahren mit einer linksnationalistischen Politik regiert, macht keinen Hehl aus seiner antiamerikanischen Haltung. In seinen Reden, zu denen er oft in Uniform erscheint, polemisiert er gegen den mächtigen Nachbarn im Norden. Wahlweise erklärt er dabei US-Präsident Bush für einen "Verrückten", "Mörder" oder "Terroristen". Zudem drohte Chavez, den USA kein Öl mehr zu liefern – Venezuela ist der fünftgrößte Ölproduzent der Welt, die USA sind die wichtigsten Kunden der Südamerikaner. Schließlich unterhält Chavez gute Kontakte zu erklärten Gegnern der USA, wie dem weißrussischen Präsidenten Lukaschenko, Irans Präsident Amahdinedschad oder dem kubanischen Staatschef Castro.

Rosales betrachtet den Konfrontationskurs mit den USA als schädlich für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Er wirft Chavez vor, die durch die hohen Ölpreise stark gestiegenen Staatseinnahmen für populistische Zwecke zu verschwenden. Kritisch sieht man in der Opposition auch die zunehmende Konzentration der Macht bei der Regierungspartei MVR (Bewegung Fünfte Republik). In den letzten Jahren wurden viele Posten in Schlüsselinstitutionen wie dem Verfassungsgericht und der Wahlbehörde mit Vertrauten des Präsidenten besetzt.

Die Oppositionsbewegung, eine lose Gruppierung aus Industrieverbänden, Gewerkschaften und politischen Parteien, ist in vielen Fragen jedoch uneins. Ein klares Programm fehlt bisher. Für viele Venezolaner vertritt die Opposition hauptsächlich die Interessen der Mittel- und Oberschicht des Landes. Vor allem die alten Parteien, die bis zur Machtergreifung von Hugo Chavez das Land fünfzig Jahre lang regierten, haben durch Korruption und Misswirtschaft das Vertrauen der Bevölkerung verloren. Teile der Opposition waren im April 2002 an einem gescheiterten Putschversuch gegen Chavez beteiligt. Nach nur 48 Stunden musste der Interimspräsident den Regierungspalast jedoch wieder räumen, nachdem das Militär mehrheitlich die Gefolgschaft verweigerte. Die USA hatten den Umsturz damals voreilig begrüßt.

Entsprechend prangert der Präsident die Opposition nun als Marionetten Washingtons an. "Sie sind die Kandidaten der Eliten, der Konterrevolution und des nordamerikanischen Imperiums", rief Chavez seinen Anhängern am Sonntag zu. Der Präsident, der Anfang der Neunziger selbst zweimal erfolglos gegen die Regierung putschte, richtet seine "bolivarische Revolution" gegen die spanischstämmige Elite des Landes. Ziel ist eine größerer politische Beteiligung der Bevölkerung und eine gerechtere Verteilung der Erdöleinnahmen. Dabei kann der Präsident vor allem auf die Unterstützung der ärmeren Teile der Bevölkerung zählen. Bei den Wahlen im Dezember hat er wenig zu fürchten. Jüngsten Umfragen zufolge wollen zwischen 55 und 60 Prozent aller wahlberechtigten Venezolaner für den populären Präsidenten stimmen. Seine Gegner müssen dann wieder bis zu den nächsten Wahlen 2012 warten.