ZEIT online: Herr Wasem, Sie haben vor einigen Monaten für Ulla Schmidt das Modell eines Gesundheitsfonds mitentwickelt. Jetzt distanzieren Sie sich davon. War die Idee so schlecht?

Jürgen Wasem: Meine Kritik ist differenziert. Der Fonds macht den Beitragseinzug effizienter. Mit ihm ist es politisch einfacher, die Risiken der Versicherten, etwa Alter und Krankheit, sowie die Einkommensunterschiede, gerecht zwischen den Kassen zu verteilen. Ursprünglich sollte der Fonds die Finanzierung des Gesundheitswesens auf breitere Basis stellen, also mehr Steuern oder etwa Solibeiträge von privat Versicherten einziehen. Wenn die Regierung auf diese zusätzliche Quellen verzichtet, braucht sie keinen neuen Finanztopf.

ZEIT online: Die Große Koalition will mehr Wettbewerb ins Gesundheitssystem bringen.

Wasem: Wettbewerb über Rabatte der Ärzte und Krankenhäuser entfachen zu wollen, ist nicht sinnvoll. Das mündet in Preisschlachten. Die Idee "Bessere Leistung für weniger Geld" funktioniert so nicht. Wenn allerdings Kassen, Ärzte und Krankenhäuser die medizinische Versorgung selbstständig organisieren dürften, könnten sie um intelligente Verträge wetteifern. Vereinbaren etwa Krankenhäuser mit den Krankenkassen, Leistungen ambulant zu erbringen, die bisher niedergelassene Ärzte durchführen, muss es möglich sein, das Budget der Kassenärztlichen Vereinigung entsprechend zu kürzen. Dazu müsste die Große Koalition ihre Eckpunkte nachbessern und den gesetzlichen Zwang zur Kontrahierung zwischen Kassen und Ärzten und Krankenhäusern weitgehend streichen.

ZEIT online: Und wo bleibt das Interesse des Patienten, der ja nicht als souveräner Kunde auftreten kann?

Wasem: Ein Mensch, der vielleicht gerade eine lebensbedrohliche Diagnose erhalten hat, ist tatsächlich kein Marktteilnehmer im eigentlichen Sinn. Er will versorgt sein. Dennoch sollte er die ökonomische Komponente nicht völlig ausblenden, und zwar in seiner Eigenschaft als Versicherter. Er muss darauf achten, dass seine Versicherung auch als Agentin seiner Interessen auftritt.