Vor dem Rathaus der mecklenburgischen Kleinstadt Waren Müritz steht ein Plakat. Darauf ein Clown mit wuscheliger Lockenmähne, Zigarre, Kinngrübchen und Akkordeon. Er mustert die Vorbeischlendernden und lädt ein zu einem Vollmondkonzert.

Der Mann unter der Verkleidung ist Hans Eckard Wenzel , er spaziert derweil auf dem Marktplatz umher und wartet auf seinen Auftritt. "Texte, Lieder, Lügen" heißt sein Programm. Drinnen im Rathaussaal, der mit schwarzem Tuch und gebastelten Gestirnen ausgehangen ist, tuschelt bereits das Publikum – über alte Zeiten. Damals hat das Clownsduo Wenzel und Mensching in brisanten Auftritten die ästhetischen und politischen Normen der DDR attackiert, nach der Wende auch die Bundesrepublik und den Rest der Welt.

Die Gruppe Karls Enkel, aus der später das Duo hervorging, wusste als freie Theatergruppe genau, wie mit den Behörden in der DDR umzugehen war: "Wir haben uns immer den Diskussionen gestellt, das hat sie verwirrt", erklärt Wenzel. Ihre Fähigkeit, kritische Projekte innerhalb der staatlichen Institutionen zu verwirklichen, wurde ihnen von manchen übelgenommen. Als Clowns genossen sie die Freiheit, unbequeme Wahrheiten mit einem Lächeln bloßzustellen. Was Kritiker und Offizielle oftmals als ungefährlich einstuften, war vielmehr ein subversives Spiel mit den kulturpolitischen Verboten der DDR.

Das Publikum hingegen war geübt in der Dechiffrierung der Programme. Ein Zeitzeuge erzählt: "Die Säle waren immer rammelvoll, wenn Wenzel und Mensching kamen. Die waren mit ihrer packenden Performance ein Markenartikel in der studentischen Jugend und der Theaterszene." Wenzels erste Platte Stirb mit mir ein Stück nannte man ein Kulturerlebnis. Letztes aus der Da Da eR wurde Anfang der 90er zum Kultfilm, nachdem Wenzel und Mensching mit dem Heinrich-Heine-Preis und dem deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet worden waren. Seit Ende der 90er gehen beide getrennte Wege. Wenzel arbeitet unter anderem zusammen mit Konstantin Wecker und Hannes Wader und tourt im September mit Arlo Guthrie , dem ältesten Sprössling Woody Guthries.

"Mal sehen, was der Mann heute so macht und ob er auch seine alten Lieder singt", fragt sich eine Dame mittleren Alters im Rathaussaal. Ein Hauch Nostalgie hängt im Raum. Kritisch ist Wenzel immer geblieben. Er ist Kulturwissenschaftler und Ästhet, Sänger, Theatermann und Poet – und vor allem ein Narr. Und Narren sind dazu da, ihrem Publikum mit hochgezogenen Augenbrauen und wehmütigem Blick einen Spiegel vor die Nase zu halten und singend den "Blödsinn der Welt" zu entlarven. Damals wie heute.

Leicht geduckt, fast schüchtern, schlängelt sich der Sänger durch die Sitzreihen, um dann ohne große Worte den Abend mit einem Loblied auf die Zweisamkeit zu beginnen. Vor dem Mikrofon ist er beeindruckend präsent, spielt mit seiner Mimik und gestikuliert mit seinen Händen, als jongliere er die Poesie, die da aus seinem Munde kommt. Die sehnsüchtigen Klänge und Melodien, die er seinem Akkordeon entlockt, passen zum melancholischen Clownsgestus. Sie unterstützen Wenzels Stimme aber genauso bissig und spöttisch, wenn er Nazis und braunpatriotische Idioten besingt: