Herr Brussig, die Hauptfigur Ihres Buches „Leben bis Männer“, ein Fußballtrainer in der ostdeutschen Provinz, erklärt sich die ganze Welt mit Fußball. Kann man die Gesellschaft besser verstehen, wenn man den Fußball kennt?
Thomas Brussig: Fußball ist eine große Projektionsfläche. Da bedient man sich immer wieder mit Metaphern fürs Leben oder für politische Weltinterpretationen. Aber ich mache das nicht gerne. Fußball ist Fußball, und Fußball an sich ist so faszinierend, dass man aus dem Leben kein Fußballturnier machen muss. Es gibt aber immer wieder Menschen, die das versuchen. Der Trainer in „Leben bis Männer“ redet so viel über Fußball, um nicht vom Eigentlichen zu reden: Dass einer seiner Spieler im Mauerschützenprozess angeklagt ist. Aber irgendwann kommt er doch drauf.

Sehr beliebt sind Vergleiche zwischen dem Zustand des Landes und der Nationalmannschaft.
Wie tragfähig solche Konstruktionen sind, muss jeder für sich entscheiden. Natürlich kann der Gewinn einer Weltmeisterschaft auf die Stimmung im Land zurückschlagen. Aber dass Deutschland jetzt Dritter wurde, weil der Zeitgeist es so wollte, das ist wie in der Geschichte: Vorher ist alles ungewiss, hinterher hätte es gar nicht anders kommen können.

Haben Sie deshalb einmal geschrieben, dass es Intellektuellen gut tut, über Fußball zu schreiben – weil sie sich irren?
Für einen Intellektuellen ist es erholsam, die Grenzen der eigenen Vorhersagekapazitäten zu erleben, und beim Fußball gehen alle Vorhersagen grundsätzlich daneben. Außerdem ist es so folgenlos, wenn es um das Abschneiden bei einer WM geht. Das ist ja auch das Schöne. Alle nehmen am Fußball teil, man kann darüber reden, es ist Konversationsthema.

Wie finden Sie es, dass Fußball vor der WM inflationär mit Kultur in Verbindung gebracht wurde? In Fußballfilmen, Fußballbüchern, Fußballausstellungen
…Sagen wir so: Dass zwei Mannschaften gegeneinander antreten, es einen Ball gibt, das Spiel 90 Minuten dauert und man nicht weiß, wie es ausgeht – diese Form ist nicht zu übertreffen. Sie hat eine unglaubliche Attraktivität für Milliarden Menschen, und sie ist ein unglaubliches Geschäft. Natürlich wollen da viele partizipieren. Aber was die Spannung angeht, kann es keinen spannenderen Fußballfilm geben als das Spiel selbst. Ich schaue lieber Fußball, als dass ich darüber rede oder lese. Deshalb habe ich den Beginn der WM sehr herbeigesehnt. Dieses ewige Gerede über Fußball: Der Torwartkrieg zum Beispiel hat uns sehr beschäftigt – aber hat es eine Situation gegeben, in der man gesagt hätte: „Den hätte Kahn aber gehalten“?

Genügt der Fußball allein den Deutschen nicht? Müssen sie ihn immer aufladen mit kultureller Bedeutung?
Dem Fußball widerfährt das gleiche Schicksal wie anderen Dingen. Es gibt Menschen, die sagen: Alles, was ich vom Leben weiß, weiß ich von „Raumschiff Enterprise“, von Bob Dylan oder von den Beatles. So ein Kosmos kann auch der Fußball sein. Weil es das Ereignis ist, auf das wir alle wie gebannt schauen, ist eine Bündelung von Aufmerksamkeit da. Alle wissen, wer Lothar Matthäus ist. Den Kapitän der Hockeynationalmannschaft der Frauen kennen nur wenige. Die waren Olympiasieger, aber am Hockey entzünden sich diese kollektiven Phantasien nicht. Doch Fußball ist nicht deshalb so populär, weil man von ihm aus so weit über die Welt nachdenken kann. Fußball ist so populär, weil er eine Schönheit, eine Klarheit, eine Spannung hat wie keine andere Sportart.

Und wann wird der Fußball kulturfähig?
Ich denke, dass uns im Fußball Dinge begegnen, die wir aus anderen Lebensbereichen kennen. Für mich ist Martin Max eine Romanfigur: Das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben, sich nichts vorwerfen zu können, aber trotzdem nicht anerkannt zu werden, also nicht in die Nationalmannschaft zu kommen. Das ist ein Gefühl, das wir alle kennen. Wir glauben alle, dass wir Besseres verdient haben. Da kann man etwas ins Allgemeine überführen, das man im Fußball entdeckt.

Ist Zinédine Zidane eine Romanfigur? Der Held, der seinen Abgang selbst gewählt hat?
Wäre er doch nach dem Kopfstoß gleich vom Feld gegangen und hätte so den Schiedsrichter gezwungen, ihm hinterherzuspurten und die rote Karte zu zücken. Aber ansonsten war das eine Situation, die man als Romanschriftsteller liebt: weil es im Finale passierte, ein so klares Foul auch noch. Ein Kopfstoß ist ja eine Ghettokampfmethode. Und das unter Millionären, in einem WM-Finale! Im letzten Spiel eines Superstars! Das würde man sich als Schriftsteller doch nicht auszudenken wagen. Keiner weiß, was die letzte Aktion eines Pelé auf dem Platz war. Oder die eines Beckenbauer, eines Maradona. Die letzte Aktion des Fußballers Zidane bleibt jedoch in Erinnerung.

Zurzeit erleben wir einen Boom an Fußballliteratur. 1974 und 1990 gab es nicht viele Schriftsteller, die sich zum Fußball äußerten, 1954 noch weniger.
Ich denke, dass die Literaten damals wirklich anderes zu tun hatten, als sich mit den Erfolgen der deutschen Nationalmannschaft auseinanderzusetzen. 1954 war nicht einmal „Die Blechtrommel“ geschrieben, da war dieser Riesensteinbruch an Geschichten über das Dritte Reich noch da. Und dass die Weltmeisterschaft so wichtig für das kollektive Empfinden war – der Wirbel zum 50. Jahrestag des WM-Finales war größer als damals. Man darf auch nicht unterschätzen, dass Literatur Zeit braucht, viel Zeit. Gerade Romane. Ich finde schon, dass die Kunst reagiert hat. Es gibt „Der Tag, an dem ich Weltmeister wurde“ von F.C. Delius oder Fassbinders Film „Die Ehe der Maria Braun“ mit der ungeschnittenen Zimmermann-Reportage am Schluss. Aber das hat eine Weile gedauert, und das wird auch in der Zukunft so sein. Ein Buch, das schon während der WM geschrieben ist, würde mich nicht interessieren.

Vor der WM sind umso mehr erschienen. Gibt es eines, das Sie begeistert hat?
Nein, ich bin regelrecht erleichtert, wenn ich wieder richtige Literatur lese.

Ihr Buch „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ handelt vom Alltag in der DDR und von der Wiedervereinigung. Im Fußball spiegelt sich der Ost-West-Konflikt in Deutschland auch wider.
Interessanterweise hat es die Nationalmannschaft von Anfang an geschafft, dass es in ihr dieses Ost-West-Ding nicht gibt. Da ist die Mannschaft weiter als die Gesellschaft. Meiner Meinung nach haben wir Deutschen die Wiedervereinigung, gemessen an den Erwartungen von 1990, nicht so hingekriegt. Es gibt Vorurteile, es gibt Unwissen, da wird dummes Zeug übereinander geredet. All das gibt es in der Nationalmannschaft nicht, man hält sich nicht einmal unterschwellig die Herkunft vor. Jens Jeremies hat damit mal kokettiert, aber eher scherzhaft: Ich bin aus dem Osten, ich mache, was man mir sagt.

Interessant ist, dass die wichtigsten Spieler der vergangenen zehn Jahre – Matthias Sammer, Michael Ballack, auch Bernd Schneider – alle im Osten groß geworden sind.
Ist Michael Ballack im Osten groß geworden – oder doch eher bei Bayer Leverkusen? Er hat in Chemnitz angefangen, aber so gehe ich da nicht ran. Wenn ich an die deutsche Mannschaft denke, dann sind das Deutsche. Dann ist auch Asamoah Deutscher. Ich finde es auch schade, dass es uns nicht gelungen ist, die in Deutschland aufgewachsenen türkischen Spieler wie Bastürk, Altintop oder Šahin in die Nationalmannschaft zu integrieren. Deutschland ist von der Realität her ein Land, in dem viele Türken oder türkischstämmige Deutsche leben, und das sollte sich auch in der Nationalmannschaft widerspiegeln.

Wäre der Fußball dann ein realitätstüchtigeres Abbild der Gesellschaft?
Dann würden wir uns dem annähern, wie es in den USA ist. Es gibt vieles, was ich an den USA nicht in Ordnung finde, aber dass alle Immigranten sich als Amerikaner begreifen dürfen, das imponiert mir. Bei den Fahnen während der WM gab es eine solche Vielfalt: deutsche Fahnen mit aufgenähtem Halbmond, DDR-Fahnen, Fahnen mit ausgeschnittenem Adler, Taxis mit zwei verschiedenen Fahnen. Unter der deutschen Fahne können sich Menschen verschiedener Herkünfte vereinen: ob türkischer oder ostdeutscher Herkunft. Wichtig ist mir, dass das Bekenntnis zur deutschen Fahne nicht mehr den Rechten überlassen wird. Und dass damit ganz unschuldig und schön gefeiert wird.

Ihnen ist die Fahnenflut nicht auf die Nerven gegangen?
Ich habe die ersten Flaggen schon am Tag des Eröffnungsspiels in Berlin gesehen. Das Spiel habe ich dann in Leipzig angesehen, da waren auch viele Flaggen an den Autos. Das hat mich an die Montagsdemos erinnert.

An die Leipziger Montagsdemos?
Nicht die, die im Oktober 1989 stattfanden. Ich meinte die Montagsdemos in Leipzig im Januar 1990. Oder rund um den 3. Oktober 1990. Die Demos, zu denen ich damals nicht hingegangen bin, weil da die Flaggen waren.

Inzwischen haben Sie sich an Schwarz-Rot-Gold gewöhnt?
Die WM war ein Fest mit Fahnen, und wir haben eben unsere genommen. Der Berliner Polizeipräsident hat Fahnen an den Polizeiautos untersagt, weil nach seinen Worten die Fahnen Fanartikel sind. Diese Einschätzung finde ich gar nicht so verkehrt.

Wie war vor diesem Hintergrund Ihr Verhältnis zur gesamtdeutschen Nationalmannschaft?
Ich bin Jahrgang 1965, und ich habe natürlich keine Erinnerung an Deutschland. Für mich war die Zweistaatlichkeit der normale Zustand. Die Mauer habe ich nicht gewollt, deren Beseitigung habe ich mir sehr gewünscht, aber mit der Zweistaatlichkeit hatte ich grundsätzlich kein Problem. Das ging schon mit dem Wort Deutschland los. Bis mir das mal über die Lippen ging, ohne dass so einen Doitschland-Unterton hatte, hat es eine Weile gedauert. Als Beckenbauer 1990 gesagt hat: „Tut mir leid für den Rest der Welt, wir sind jetzt über Jahre unschlagbar“ – das war das Falscheste, was er machen konnte. Solche Äußerungen empfinde ich als extrem unsportlich. Und damit war ich gegen diese Mannschaft.