Campus online :  Was unterscheidet eine Universität von einer Hochschule?

Jochen Hörisch
: Wie das Wort Universität ja schon sagt, ist es die Universalität, durch die sich die Uni von der Hochschule abgrenzt. Der Begriff der Universität tauchte erst im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Gründung der Humboldt-Universität auf. Der Universalitätsanspruch entspricht dem Bildungsideal jener Zeit. Davor war das Bild der Universität das der Alma mater, der treusorgenden Mutter die ihre Kinder liebt. Man sagte auch nicht: Ich studiere an der Universität zu Heidelberg. Man sagte: Ich studiere an der Alma mater zu Heidelberg. Die Hochschule wiederum ist eben eine höhere Schule. Darin schwingt der Anspruch einer reinen Lehranstalt mit. Die Hochschule hat sich inzwischen aber vom Universalitätsanspruch der Universität und von der Alimentierungsfunktion der Alma mater losgesagt.

Campus online :  Was müsste in Ihren Augen passieren, damit die Uni ihrem Anspruch von Universalität und dem Ideal der Alma Mater wieder näher kommt?

Hörisch
: Das Wichtigste ist meiner Meinung nach, dass die Universität informeller wird. Die Professoren sollten sich regelmäßig in einem ‚Faculty-Club’ treffen. Bei einem guten Glas Wein kann man am Abend noch das eine oder andere Problem aus der Welt schaffen oder einfach mal mit Kollegen eine interdisziplinäre Diskussion führen. Mehr akademische Geselligkeit würde uns viele Gremiensitzungen ersparen. Womit wir schon beim nächsten Punkt wären: Gremienstizungen sind eine ganz und gar groteskte Vergeudung von Zeit und Energie. Das Potential, das wir dort hineinstecken, könnten wir sinnvoller für Forschung und Lehre verwenden. Ich finde, Gremiensitzungen sollten so weit wie möglich abgeschafft werden. Dann - damit komme ich zum dritten Punkt - hätten die Professoren auch mehr Zeit, sich ganz bewusst um ihre Studenten zu kümmern. Die Professoren sollten jeweils für ein Jahr eine Gruppe von zehn bis fünfzehn Studenten als Tutor übernehmen. Das bedeutet, sich regelmäßig mit ihnen treffen und ihnen als Gesprächspartner, Coach und Privatlehrer zur Seite zu stehen. Das ist eine Aufgabe, die nicht einfach einem älteren Studenten überlassen werden sollte. Das alles ist nicht unmöglich. Es funktioniert ja auch in anderen Ländern.

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: Wenn ihre Reformvorschläge wirklich so effektiv und einfach sind, warum werden sie von der Politik oder von den Universitätsleitungen nicht augegriffen und umgesetzt?

Hörisch
: Nun ja, das würde ich vielleicht als professionelle Deformation bezeichnen. Wir stecken so tief in unserem System aus Vorschriften, Geschäftsordnungen, Gremiensitzungen und Studienordnungen, dass wir das Wesentliche gar nicht mehr sehen. Da müssen wir uns endlich mal freistrampeln. Man kann eine Alma mater nicht regieren wie eine Krankenkasse.

Campus online :  Wieviel und welche Freiheit brauchen Professoren, Dozenten und Studenten?

Hörisch : Für mich bedeutet Freiheit in diesem Zusammenhang in erster Linie das Recht, wirklich unabhängig, also auch keck und frech sein zu dürfen. Wir brauchen Freiheit um Neues denken zu können. Freiheit ist allerdings ein hohes Gut. Wir müssen verantwortungsvoll mit ihr umgehen. Das war in der Vergangenheit nicht immer der Fall. Oft haben gerade die Professoren ihre wunderbare Freiheit missbraucht. Man muss also auch die Professoren kontrollieren. Ein Mittel dazu wäre, für jedes Fach einen spezifischen Kanon aufzustellen und den Professoren zu sagen: 50 Prozent eures Deputats lehrt ihr, was in eurem Fachkanon steht, und die anderen 50 Prozent könnt ihr nach euren eigenen Vorstellungen gestalten.

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: Was muss getan werden, damit Lehrende und Studierende ihre Universität wieder lieben?

Hörisch :  Befehlen kann man die Liebe zur Universität natürlich nicht. Aber ich sehe positive Tendenzen: Wir haben an den Universitäten gute Alumni-Arbeit und die Studierenden tragen zum Beispiel T-Shirts mit den Labels ihrer Uni. Das ist ein Bekenntnis zur Universität. Aber die Hochschulen selbst müssen auch wieder liebenswerter werden: Sie dürfen kein Verwaltungsmonster sein, sondern sollen ein intellektuelles Abenteuer bieten.

Campus online : Was wünschen Sie sich von ihren Studenten?

Hörisch
: Die Studenten sollten wieder frecher werden und die negativen Umstände ihres Daseins, wie beispielsweise die aktuelle Arbeitsmarktsituation, als Herausforderung begreifen. Sie sollten das Abenteuer annehmen, aus der Not eine Tugend machen und ein gutes Verhältnis zum Risiko entwickeln. Außerdem wünsche ich mir von meinen Studenten eine unerschöpfliche Neugier und dass sie den Ernst großer Fragen nicht vergessen: Sie sollten sich immer wieder fragen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Campus online : Und was wünschen Sie sich für ihre Studenten?

Hörisch
:  Für meine Studenten wünsche ich mir, dass sie in ihrer unglaublichen Produktivität, in ihren Rechten und Ansprüchen ernstgenommen werden und nicht zur Verschiebemasse für Technokraten werden. Sie sollen die Universität als Alma mater erfahren und nicht als Hochschule.

Campus online :  Gerade in Zeiten des Bologna-Prozesses ist dies für viele undenkbar. Ihre Universität in Mannheim hat als eine der ersten deutschen Hochschulen den Bologna-Prozess in den Geistewissenschaften implementiert. Sind Sie ein Bologna-Freund?

Hörisch : Nein, ich bin kein Bologna-Freund. Bologna ist gut gemeint, weil man versucht hat, die Studienzeiten drastisch zu verkürzen. Bemerkenswerterweise hat Bologna auch dazu geführt, dass die relativ hohen Abbrecherquoten in den geisteswissenschaftlichen Studiengängen heute fast gegen Null gehen. Trotzdem ist Bologna nicht gut für den Bildungsstand. Die Studierenden werden früher fertig, aber sie haben eben keine Zeit mehr, einmal in ein Buch zu schauen, das auf keiner Lektüreliste steht. Genauso wenig haben sie Zeit Veranstaltungen zu besuchen, bei denen man keine Punkte sammeln kann. Die intrinsische Motivation, der Hunger nach Wissen, geht dabei verloren.

Campus online : Aus vielen Fakultäten dringen verärgerte Stimmen. Nachdem lange harte Kriterien wie Auslastung, Absolventenquoten und Evaluationsergebnisse über die Zukunft von Fachbereichen und Studiengängen richteten, sollen nun auch gut laufende Studiengänge geschlossen werden, andere hingegen werden trotz sinkender Studierendenzahlen gefördert. Waren die bisherigen Qualitätskriterien die Falschen? Wie kann man die Qualität von Forschung und Lehre zuverlässig messen?

Hörisch : Ich bin überhaupt nicht evaluationsfeindlich. Es ist gut, dass die Universität solche Daten sammelt und auch veröffentlicht. Aber es gibt eben auch einen kindlichen Glauben an Messbarkeiten. Auf der anderen Seite spielen die Daten, die die Qualität messen und bewerten sollen, oft eine zu geringe Rolle. Wenn es zum Beispiel um Berufungsverhandlungen geht, wird nicht danach gefragt, wie gut ein Kandidat als Lehrer ist, welche vielbeachteten Publikationen er vorzuweisen hat, wieviele äuswärtige Vortragseinladungen er bekommt oder was seine Absolventen erreicht haben.  All dies wären messbare Kriterien. Stattdessen wird solchen Entscheidungen meist nur ein einziges Kriterium zu Grunde gelegt: Wieviele Drittmittel kann ein Wissenschaftler einwerben? Das Geld zählt mehr als Prestige. Geld regiert heute auch die Wissenschaft. Das ist eben auch einer der großen Unterschiede zwischen der Alma mater und der Hochschule.

Campus online : Vielfach sollen nur noch die Studiengänge gefördert werden sollen, die dem Nachfrageprofil der Wirtschaft entsprechen. Was halten Sie von der Idee, auch die Geisteswissenschaften den Bedürfnissen der Wirtschaft unterzuordnen?

Hörisch : Die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaftswissenschaftlern und Geisteswissenschaftler kann sehr fruchtbar sein. Ich bin der Letzte, der vor einer solchen Zusammenarbeit Angst hat. Aber - das ist eine Grundbedingung, damit Interdisziplinarität funktioniert - sie muss auch auf Augenhöhe stattfinden. Das bedeutet, es muss weiterhin grundständige Studiengänge in den verschieden Diszplinen geben. Wenn Sie die Germanistik, die Anglistik oder die Philosophie nur noch als Hilfswisschaft für die BWL sehen, ohne grundständige Abschlüsse in diesen Fächern anzubieten, bekommen Sie über kurz oder lang Qualitätsprobleme. Sie werden dann keine klugen Köpfe mehr als Fachvertreter berufen können. Wer auf seinem Gebiet wirklich gut ist, will doch nicht der Verteter einer reinen Hilfswissenschaft sein.

Campus online : Wenn Sie Rektor dieser Universität wären, was würden Sie ändern?

Hörisch : Ich würde einen jour fix pro Monat einführen, an dem sich fakultätsübergreifend alle Mitglieder der Universität  - sowohl Studenten, als auch Dozenten - treffen, um gemeinsam den Vortrag eines Spitzendozenten zu hören und anschließend darüber zu diskutieren. Ich finde Interdisziplinarität muss gelebt werden und dazu gehört auch die Pflege akademischer Geselligkeit.

Die Fragen stellte Katrin Weisenburger

Von Jochen Hörisch ist im August das Buch erschienen: „Die ungeliebte Universität. Rettet die Alma Mater!“; Carl Hanser Verlag, 139 S.; 14,90 €

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