Bagdad - Der ehemalige Präsident weigerte sich zum Prozessauftakt am Vormittag zunächst, seine Personalien anzugeben und empörte sich stattdessen über das Gericht. "Sie sind hier im Namen des Besatzers, nicht im Namen des Iraks", griff er den Vorsitzenden Richter Abdullah al-Ameri lautstark an. Er sei "in der ganzen Welt bekannt", sagte Saddam Hussein, bevor er sich schließlich als "Präsident der Republik Irak und Oberkommandierender der Streitkräfte" vorstellte.

Weil Saddam Hussein sich weigerte, sich schuldig oder nicht schuldig zu bekennen, entschied der Richter darüber und wertete die ausbleibende Antwort als "nicht schuldig". Neben Saddam Hussein waren auch seine sechs Mitangeklagten anwesend, unter ihnen sein Cousin Ali Hassan al-Madschid, der als "Chemie-Ali" bekannt ist und sich wegen Giftgas-Angriffen verantworten muss. Die Anklage lautet auf Völkermord an den Kurden: 32 Anwälte werden versuchen zu beweisen, dass auf Anordnung von Saddam Hussein zwischen 1987 und 1989 im Nordirak bis zu 180.000 Kurden getötet und 4500 Dörfer zerstört wurden.

Es ist der zweite Prozess gegen Saddam Hussein. Wie im ersten Verfahren wegen des Massakers an 148 Schiiten aus dem Dorf Dudschail 1982, droht ihm wegen der so genannten Operation Anfal (Kriegsbeute) die Todesstrafe. Das Verfahren könnte bis Mitte Dezember beendet sein. Am 16. Oktober soll das Urteil im ersten Prozess gegen den ehemaligen irakischen Machthaber gesprochen werden.

Zehntausende wurden vertrieben, mehrere tausend Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht. Die schlimmsten Gräuel verübte Saddams Soldateska am 16. März 1988 in der Stadt Halabdscha.

Die Kampagne unter dem Codenamen "Anfal" (Kriegsbeute) verlief in mehreren Etappen und dauerte von Februar bis September 1988. Befehligt wurde der jetzt als Völkermord angeklagte Einsatz von regulären Armee-Einheiten und Sicherheitsdiensten von Saddams Cousin Ali Hassan al-Madschid, genannt "Chemie-Ali".

Auftakt der Aktion war ein Angriff auf die Stützpunkte der vom heutigen Präsidenten Dschalal Talabani geführten Kurdenpartei PUK in Sergalu und Bergalu im Osten Kurdistans. Die letzte Attacke richtete sich gegen die von der konkurrierenden KDP kontrollierten Gebiete im Nordwesten.

In die Zeit des "Anfal"-Terrors fällt auch der Angriff auf die Stadt Halabdscha nahe der iranischen Grenze. Damals warfen irakische Jets nach westlichen Erkenntnissen die chemischen Kampfstoffe VX, Sarin, Tabun und Senfgas ab. Etwa 5000 Bewohner, darunter Kinder, Frauen und alte Leute, starben sofort qualvoll. Tausende erlitten schwerste Verletzungen, die den späteren Tod oder dauerhafte Schäden verursachten. Mit dem Angriff wollte das Regime die Stadt für ihre Sympathie mit dem Kriegsgegner Iran bestrafen.

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