DIE ZEIT : Die offiziellen Feiern zum 200. Jahrestag der Kaiserkrönung sowie des Sieges von Austerlitz fielen in Frankreich äußerst bescheiden aus. Warum?

Jean Tulard : Bei der Krönung war das verständlich, weil der Staat nicht die Wiedereinführung der Monarchie feiern will. Doch dass der Sieg von Austerlitz 1805, bei dem unsere Grande Armée der Revolution die europäischen Feudalherrscher bezwang, nahezu ignoriert wurde, ist eine Schande. Schuld daran ist unsere Regierung, die dem Druck von Kolonialismus-Kritikern nachgegeben hat.

ZEIT : Worum ging es?

Jean Tulard : Kurz vor dem Jubiläum veröffentlichte der Schriftsteller Claude Ribbe, dessen Vorfahren aus der Karibik stammen, eine scharfe Polemik gegen die Wiedereinführung der Sklaverei durch Napoleon auf Guadeloupe und Santo Domingo. In der Tat hat Napoleon den von der Französischen Revolution verbotenen Menschenhandel 1802 wieder erlaubt. Man sollte das jedoch unter den Bedingungen der damaligen Zeit sehen. Auch in den USA oder Großbritannien war seinerzeit die Sklavenhaltung üblich. Aber weil der Rassismusvorwurf erhoben wurde, und das vor allem von Bürgern aus Guadeloupe, ist unsere Regierung eingeknickt.

ZEIT : Diese Kritiker haben jüngst sogar einen Vergleich zu Hitler gezogen. Auch Napoleon habe - an den Schwarzen - einen Genozid verübt.

Jean Tulard : Das ist völliger Unsinn. Napoleon wollte zwar die Sklaven als Arbeitskräfte ausbeuten, aber er hat keinen Völkermord begangen. Zweifellos war die Repression in der Karibik extrem hart und blutig, nicht zuletzt wegen der Sklavenaufstände. Aber die Behauptung, er habe mit der Unterdrückung der Schwarzen das Vorbild für den Judenmord gegeben, ist völlig absurd. Bei den Nazis ist nirgendwo, auch nicht in Hitlers Mein Kampf oder in Rosenbergs Mythos des 20. Jahrhunderts, eine Bezugnahme auf Napoleon zu finden. Im Gegenteil: Die Nazis haben viele deutsche Napoleon-Verehrer verfolgt. Es stellt die Fakten in grotesker Weise auf den Kopf, wenn heute Fotos von Hitler vor dem Napoleon-Grab in Paris als Beleg dafür herhalten sollen, der Führer habe damit eine Hommage an sein Vorbild geleistet. In Wirklichkeit war das ein bewusster Akt der Demütigung der feindlichen Franzosen - als Revanche für Napoleons Sieg über die preußische Armee ebenso wie für die Kriegsniederlage 1918. Auch der Hinweis darauf, dass Hitler die Asche von Napoleons Sohn wieder nach Paris zurückbringen ließ, taugt nicht als Beleg. Vielmehr handelte es sich um eine Propagandamaßnahme, mit der die Franzosen kollaborationswillig gemacht werden sollten.

ZEIT : Wie werden die Franzosen denn den 200. Jahrestag der Schlacht von Jena-Auerstedt 1806 begehen?

Jean Tulard : Präsident Jacques Chirac und sein Premier Dominique de Villepin haben die Grundsatzentscheidung getroffen, keinerlei Siege zu feiern. Dahinter steckt viel Druck von der Linken, aber auch die ausgeprägte republikanische Überzeugung des Napoleon-Verächters Chirac. Allerdings war Jena schon kein rein französischer Sieg mehr. Die Armee setzte sich aus vielen ausländischen Kontingenten zusammen. Wir haben Austerlitz ignoriert, aber einen französischen Flugzeugträger zu den Feiern des britischen Sieges bei Trafalgar entsandt - weiter kann man den NapoleonHass nicht treiben. In der Académie française haben wir dagegen heftig, aber leider erfolglos protestiert.

ZEIT : Wann begann der geringschätzige Umgang mit Napoleon?

Jean Tulard : Napoleon war schon immer bei der royalistischen Rechten und bei der extremen Linken verhasst - und bei den ethnischen Minoritäten sowieso. Aber im offiziellen Leben hatte er einen festen Platz - man denke nur an die Marschälle Ferdinand Foche und Joseph Joffre, die bei der Unterzeichnung des Versailler Vertrages 1919 feierlich sein Erbe beschworen. Noch 1969 kam der frisch gewählte Präsident Georges Pompidou ins Institut de France, um Napoleons 200. Geburtstag zu begehen. Damals pries selbst noch die kommunistische Parteizeitung Humanité die Rolle Napoleons als Bollwerk gegen die Reaktion. Die offizielle Geringschätzung begann eigentlich erst mit der Präsidentschaft Chiracs - seit 1995 ignoriert er bewusst sämtliche Jubiläen. Zwar haben viele der napoleonischen Institutionen - Conseil d'état, Légion d'honneur, Code civil, Banque de France, Senat, Nationalarchiv - ihre eigenen Gründungstage gefeiert, das aber eher zurückhaltend.

ZEIT : Sind die Franzosen dieser Entwicklung gefolgt?

Jean Tulard : Nicht wirklich. In der Bevölkerung ist Napoleon unverändert populär. Nicht nur in Frankreich, sondern europaweit war die vierteilige Fernsehserie mit Christian Clavier 2002 ein Riesenerfolg. Napoleon ist und bleibt der berühmteste Franzose aller Zeiten und verkörpert mehr noch als Ludwig XIV. den Höhepunkt der französischen Dominanz in Europa. Dass Politiker heute nicht mehr gern über ihn sprechen, mag auch an den aktuellen Debatten über den déclin français liegen, den Niedergang Frankreichs. Jede Vergegenwärtigung des Kaiserreichs verschärft nur das Bewusstsein der verlorenen Größe.