Vielleicht wollten die Kanzlerin und ihr Vize an diesem Dienstag die Erwartungen von Anfang an niedrig hängen. Vielleicht lag es aber auch an der Knieverletzung, die Müntefering sich während des Urlaubs zugezogen hatte: Zum ersten gemeinsamen Presseauftritt nach der Sommerpause wählte das Führungsduo am Dienstag jedenfalls nicht den großen Aufgang über die breite Treppe im Haus der Bundespressekonferenz, den Regierende sonst gerne federnden Schritts hinaufsteigen, sie kamen stattdessen lieber unspektakulär durch die Hintertür.

Am Morgen war das Kabinett zu einer längeren und außer der Reihe einberufenen Sitzung zusammengekommen, um die Grundlinien für die kommenden Monate abzustimmen. Eigentlich, so war im Vorfeld als Parole ausgegeben worden, sollte hinterher die Botschaft ausgehen, dass die Stimmung im Land schlechter sei als die Fakten. Doch Merkel setzte gleich zu Beginn einen anderen Akzent. Auch wenn viele wirtschaftliche Faktoren derzeit auf eine positive Entwicklung hindeuteten, sei nicht zu übersehen, dass die Skepsis im Lande überwiege. Das Vertrauen der Menschen in die Politik zurückzugewinnen, hatte Merkel sich einst vorgenommen. Dass dies noch lange nicht gelungen ist, räumte sie nun selber ein.

Um dies zu ändern, fällt der Kanzlerin vorerst  allerdings auch nichts anderes ein als immer und immer wieder die Sätze zu wiederholen, die man seit ihrer Regierungserklärung kennt: Dass es einen Dreiklang aus Reformieren, Investieren und Sanieren geben müsse zum Beispiel, oder dass man in zehn Jahren wieder zur europäischen Spitze gehören werde. Seit vergangener Woche gehört noch ein neuer Satz zum Repertoire: "Die Wende zum Besseren ist vollzogen."

Eines jedenfalls wurde ganz deutlich: Die Abarbeitung des Koalitionsvertrags wird auch weiterhin die Richtlinie der schwarz-roten Politik sein. Da habe man sich genug Arbeit aufgeladen, bis über 2009 hinaus, sagt Müntefering, und korrigiert sich dann schnell. Damit habe er natürlich nur die Auswirkungen gemeint, nicht etwa eine Festlegung auf weitere Zusammenarbeit über die nächsten Wahlen hinaus. Überhaupt findet Müntefering es unfair, dass die Parteien immer an dem gemessen würden, was sie im Wahlkampf gesagt hätten. In einer Großen Koalition seien die Spielräume nun mal andere.

Die sind offenbar so eng, dass der Koalitionsvertrag auch künftig als sakrosankt behandelt werden soll. Das gleiche gilt nun aber auch für die Eckpunkte, die die Koalition mittlerweile zur Unternehmenssteuerreform und zur Gesundheitsreform beschlossen hat. Und zwar trotz der massiven Kritik, die es aus beiden politischen Lagern in den vergangenen Wochen an den zentralen Reformvorhaben gab. So wie Merkel anfänglichem Streit in der Koalition aus dem Weg zu gehen versuchte, indem sie auf die Einhaltung des Koalitionsvertrags pochte, so werden nun auch die Eckpunkte für unabänderlich erklärt.

Ob denn die Kanzlerin mit Gesundheitsministerin Ulla Schmidt zu 100 Prozent übereinstimme, will ein Journalist wissen. Dies hatte die Ministerin umgekehrt für ihre Person vor der Klausurtagung erklärt. "Die Eckpunkte müssen umgesetzt werden", erwidert Merkel darauf stoisch. Das gleiche gilt für die Unternehmenssteuerreform, bei der sich allerdings eher die SPD-Abgeordneten darauf einstellen müssen, sich an den Eckpunkten die Zähne auszubeißen. Denn wenn die Kanzlerin der eigenen Klientel offenbar eine für sie schwer zu akzeptierende Gesundheitsreform zumuten will, so soll andererseits auch die Entlastung der Unternehmen bei der Unternehmenssteuerreform nicht zurückgenommen werden, selbst wenn die SPD-Linke meutert.