Was bedeutet Musik in einer Kneipe? Wie weit abseits des Üblichen darf man sich wagen? Von welchem Punkt an ist anspruchsvolles Musikprogramm keine gute Unterhaltung mehr, sondern intellektuelle Beanspruchung? Von wann an ist das Abspulen feuilletonerprobter Konsens-Nummern langweilig? Und wem bin ich mehr verpflichtet: der guten Musik oder den lieben Gästen? Diese Fragen begleiten mich als Betreiber eines Musiklokals seit Jahren.

Als ich jene kleine, meist überfüllte Kneipe zum ersten Mal besuchte – es war irgendwann Mitte der achtziger Jahre – stand da ein blondierter Punk an die Ecke der Theke gelehnt und tauschte von Zeit zu Zeit eine Kassette im Rekorder gegen eine andere. Drei bis vier Stücke Rockabilly, dann eine Zeit lang Western Swing und Country, dann Punk, dazwischen ein paar Stücke Rhythm’n’Blues. So wenig Aufwand dieser CJ damals auch trieb – er war hauptsächlich mit Bier trinken, Zigaretten rauchen und Kumpels begrüßen beschäftigt –, er erzielte doch eine erstaunliche Wirkung.

Die Gäste nahmen wahr, dass da einer war, der sich einige Mühe für sie gab. Und sie reagierten auf diese Besonderheit. Da lief nicht ein vorgefertigtes Band, das man zum hundertsten Mal hinnehmen musste in seiner neunzigminütigen Vorherbestimmung. Man konnte am Geschehen teilhaben, es beeinflussen. Jubelrufe waren zu hören, Äußerungen von Missmut. Der Mann am Regler machte sich indessen immer wieder Gedanken, wohin er den Abend steuern könnte. Und das in einer Kneipe, in der keiner auf eine Tanzfläche geschoben werden musste… Aber wieso denn auch immer diese funktionelle Verknüpfung? Musik ohne Pflicht zur Umsatzsteigerung: Was für eine Freiheit! Eine unvergleichliche Weite der Möglichkeiten tat sich da auf. Hier war jetzt alles erlaubt!

Die damaligen Betreiber des Ladens probierten einiges aus. Von der hintersinnig-beziehungsreichen Kombination von Musikstücken, die in oft geradezu vorlesungsartigem Stil dargeboten wurden – man schreckte bis­weilen sogar vor Handzetteln mit der Auflistung der gespielten Songs nicht zurück – bis hin zu heftigen Elektro-Abenden, bei denen zeitweise bis auf einen Stroboskop-Scheinwerfer alle Lichter ausgeschaltet waren und das Publikum sich zu gleichen Teilen an wie auf den Tischen befand.

Inzwischen hatte ich den Laden übernommen, nachdem ich mehr und mehr auf die aktive Seite dieses so offen anmutenden Projekts übergewechselt war. Die Idee, Musik jenseits des Hauptstromes zu präsentieren, gefiel mir. Und es war da anscheinend ein Publikum, das diesen Weg mitgehen wollte.

Ich probierte also weiter herum und stellte irgendwann fest, dass es an der Zeit für eine zweite Wendung wäre. Müsste man denn nicht stärker gegen einen sich ein­schleifenden Indie-Mainstream opponieren? Ein großer Teil der Gäste schwelgte nach meinem Geschmack oft zu sehr in einer gemeinschaftlichen, wenig hinterfrag­ten, kulturell korrekten Abseits-Seligkeit. Warum sollte ich Anfragen von DJs ableh­nen, die “mal was mit Avantgarde der fünfziger Jahre machen“ oder “Bruitismus und Industrial kombinieren“ wollten? Die Aufweichung von Genregrenzen, die Lösung fester Verknüpfungen von Musik und dem ihrer Aufführung traditionell zugeordneten Raum, das wäre doch mal ein interessanter Schritt. Ist nicht die Kneipe ein geeigneter Ort, um die archaische Verbindung von Musikausübung und Berauschung als öffnende Chance zu nutzen? Könnten hier nicht Konventionen jeglicher Art abgeschüttelt werden? All das erschien mir in jener Phase als eine sehr schöne Perspektive von Basisarbeit.