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John Mark Karr hatte sein Geständnis genau zur rechten Zeit abgelegt. Mitten im August-Sommerloch, die Ausläufer des Israel-Libanon-Konflikts waren gerade dabei, monoton zu werden, die Nachrichten aus dem Irak ohnehin stets die gleichen. Dass Karr behauptete, der langgesuchte Mörder der sechsjährigen Schönheitskönigin zu sein - für die US-Presse unwiderstehlich. Was folgte, war ein kollektiver Medienrausch. Doch jetzt hat die Staatsanwaltschaft auf eine Anklage Karrs verzichtet. Und die US-Medien gehen telegen im Büßergewand.

"Was sollten die Medien aus dem Fall Karr lernen?", fragt CNN sein Publikum in der Sendung The Situation Room am Montagabend scheinbar zerknirscht und bittet um Zuschauer-Mails. Die Sendung des Chefreporters Wolf Blitzer hatte das zehn Jahre alte "Mord-Mysterium" am Tag der Festnahme, vor knapp zwei Wochen, zum Aufmacher seiner 17-Uhr-Ausgabe gemacht und im Verlauf der Sendung zu drei Reportern, einem Moderator und einem bekannten Strafverteidiger geschaltet – Berichterstattung wie bei einer Katastrophe.

Kaum ein Detail der frisch gefundenen "Breaking News" wurde in der Folgezeit ausgelassen: Selbst ernannte und echte Experten schwadronierten über John Mark Karrs Kleidung, die Geschlechtsumwandlung, die der Lehrer in Thailand habe vornehmen wollen, bis hin zu Champagner, Garnelen und Schokoladenkuchen, die er auf dem Rücktransport in die USA (Business Class) verspeiste – inklusive des Anstoßens mit dem mitreisenden Ermittlungsbeamten.

Und so wie CNN machten es fast alle.

Die Zutaten waren einfach zu verführerisch: Eine blonde Kinderprinzessin aus einer Familie der Mittelklasse, geschminkt und angezogen wie eine erwachsene Frau, von ihrer Mutter von einem Schönheitswettbewerb zum nächsten geschickt. Am zweiten Weihnachtstag 1996 tot und laut Obduktionsbericht vermutlich missbraucht im Keller des Wohnhauses der Familie aufgefunden.

Seitdem der 41-jährige Karr – ursprünglich in Thailand wegen Vorwürfen der Kinderpornografie verhaftet – dunkel angab, er sei "dabei gewesen", als JonBenet Ramsey starb, und es habe sich um einen Unfall gehandelt, gab es kein Halten mehr. Mit wohligem Gruseln konnten die Zuschauer in zahllosen Live-Schalten verfolgen, wie Reporter nach Reporter eindringlich über das gerade neueste Detail berichtete, garniert mit verwackelten Amateurvideos von Karr und seiner Familie. Zwischendrin immer wieder Ausschnitte aus den seltsamen Wettbewerbsfilmen der singenden und wie ein Nummerngirl tanzenden JonBenet. Selbst renommierte investigative TV-Politmagazine wie ABC Nightline füllten am Tag von Karrs Geständnis die Hälfte der Sendung mit dem Fall.

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Unstimmigkeiten – Karrs geschiedene Frau gab an, er sei am Tag des Mordes im US-Bundesstaat Alabama und nicht in Colorado gewesen – wurden ausgeblendet; in vielen Berichten schien der Schuldige bereits gefunden. "Solved!" – "Gelöst" titelte etwas die New York Daily News , auch andere Zeitungen hielten den Fall für so gut wie aufgeklärt.

Viele Medien konnten sich der kollektiven Hysterie nicht entziehen. "Wir haben alle mitgemacht, und das, obwohl wir wussten, dass wir hinterher die Dummen sein würden", sagt Shannon Oliver, Chefin vom Dienst bei KTVU in Oakland. Der Fox-Sender verzichtete am Tag des "Geständnisses" in seinen anderthalbstündigen Frühabendnachrichten sogar komplett darauf, über die Entscheidung einer Bundesrichterin zu berichten, dass das Abhörprogramm des US-Geheimdienstes NSA verfassungswidrig sei. Auch in den drei großen Sendern ABC, CBS und NBC kam diese Niederlage für Bush im besten Fall auf Platz zwei.

Gerade für Fernsehsender wie CNN, Fox News und MSNBC, die beinahe unablässig Nachrichten senden und ihre Zuschauer sofort für sich gewinnen müssten, seien solche Sensationsgeschichten perfekt, sagt Peter Hart, Medienforscher bei FAIR, einer NGO, die sich als Wächter für die ausgewogene Berichterstattung in den Medien versteht. Sie brächten gute Quoten, kosteten aber wenig – schließlich gebe es wenig zu berichten, nur viel zu spekulieren. Am Tag etwa, als Karr in Los Angeles kurz vor Gericht erschien und auf sein Recht verzichtete, die Auslieferung nach Colorado anzufechten, stiegen die Einschaltquoten aller drei Kabel-Networks, so Tim Rutten, Kommentator bei der Los Angeles Times . Am stärksten jedoch die von MSNBC. Der Sender hatte monothematisch über den JonBenet-Fall berichtet.

"Das Seltsame ist, dass man die Einschaltquoten verbessert und gleichzeitig seinen Ruf zerstört", sagt Tom Rosenstiel, Direktor des Project for Excellence in Journalism (PEJ). Das sehen auch einige der zum Mailen aufgeforderten CNN-Zuschauer so. "Was zählte, war die Quote, und die ist rasant angestiegen", schreibt Roy aus New York auf der CNN-Website. Und Kirk aus Minnesota mailt: "Was die Medien lernen sollten, aber nie lernen werden, ist, die Nachrichten einfach nur zu berichten – anstatt sie aufzubauschen und zu erschaffen."

Doch der Katzenjammer über die voreilige und sensationslüsterne Berichterstattung scheint beim Kabelsender aus Atlanta so schnell zu gehen, wie er gekommen ist. "Das ist ein Kracher", kommentierte die Korrespondentin in Colorado am Montagabend live den Verzicht der Staatsanwaltschaft auf eine Anklage Karrs. Und prompt befindet der zugeschaltete CNN-Justizexperte: Die wahren Verlierer seien die Steuerzahler in Boulder. Schließlich hätte die Staatsanwaltschaft die DNA-Probe, die den wackligen Fall nun zum Einstürzen gebracht hat, doch auch in Thailand nehmen können, anstatt den Verdächtigen für tausende von Steuerzahlerdollar nach Boulder, Colorado zu fliegen.

Schön, wenn einem nie die Geschichten ausgehen.