Unter welchen Bedingungen kann man der Aussage einer anderen Person glauben? Die Antwort ist ganz einfach: Sobald zwei Menschen, die grundlegend gegensätzliche Interessen vertreten, dieselbe Behauptung aufstellen, sind ihre Aussagen prinzipiell vertrauenswürdig. Zwar können auch beide gemeinsam falsch liegen, doch die Wahrscheinlichkeit ist gering. Berücksichtigt man hingegen nur eine Meinung, ist sie viel eher einseitig gefärbt.

Ähnlich ist es mit den Kursen für Wertpapiere, die an den Börsen gehandelt werden. Sie kommen bekanntlich nur dann zustande, wenn Käufer und Verkäufer eines Papiers sich auf einen gemeinsamen Preis einigen. In der Regel kann man auch hier davon ausgehen, dass der Käufer andere Interessen hat als der Verkäufer - häufig geht er sogar von gegensätzlichen Annahmen aus. So nimmt er beispielsweise an, dass die Kurse weiter steigen werden. Der Verkäufer jedoch erwartet das nicht, oder er sieht zumindest bessere Alternativen für seine Kapitalanlage. Dennoch sind beide mit dem erzielten Preis zufrieden.

So richtig diese Erkenntnis nun aber für einzelne Transaktionen ist: Betrachtet man verschiedene Märkte, können Händler und Investoren doch zu sehr unterschiedlichen Einschätzungen gelangen. Für den einzelnen Anleger ist es dann schon sehr viel schwieriger, zu entscheiden, wem er glauben und wo er investieren soll. Derzeit kann man das sehr schön beim Vergleich der Aktien- und Rentenmärkte beobachten. Die Rentenmärkte spielen weiterhin die große Konjunkturabkühlungsstory, die auch die Inflationsaussichten weiter senken wird. Aus diesem Grund haben sich die Rentenmärkte recht positiv entwickelt, und die langfristigen Renditen sind deutlich gesunken.

Zugleich hat die EZB die Zinsen am kurzen Ende weiter erhöht bzw. weitere Erhöhungen in Aussicht gestellt. So ist die Zinskurve, also die Differenz zwischen den Zinsen für langfristige und kurzfristige Anlagen, deutlich zusammengelaufen. Dies war in der Vergangenheit meist ein klares Zeichen für eine bevorstehende Abkühlung der Wirtschaft.

Ganz anders sieht es dagegen am Aktienmarkt aus. Auch hier sind die Kurse weiter gestiegen, als gebe es das Thema Konjunkturabkühlung gar nicht. Vor allem ignorieren die Aktienmärkte vollkommen, dass eine konjunkturelle Schwäche in der Regel negativ für die Unternehmensgewinne ist.  Sie schauen primär auf die immer noch guten Gewinnmeldungen aus der vergangenen Berichtsaison, ähnlich wie Autofahrer, die während der Fahrt ausschließlich in den Rückspiegel schauen und meinen, so könnten sie die nächste Kurve erkennen. Das ist ziemlich gefährlich, denn die Gewinne des letzten Quartals sagen nun mal nichts aus über die Gewinnentwicklung der Zukunft.

Irgendwann muss sich dieser Widerspruch wieder auflösen, indem entweder die Aktien- oder die Rentenmärkte ihre Gewinne der jüngsten Vergangenheit wieder abgeben. Auf einem Markt von beiden müssen die Anleger ja schief liegen. Nur: Auf welchem?

Die Antwort: Vor allem die Aktienmärkte sind gefährdet. In dieser Kolumne ist schon mehrmals auf die schlechten Aussichten der US-Volkswirtschaft und, damit verbunden, der Unternehmensgewinne hingewiesen worden. In den vergangenen zwei Wochen fingen die Aktienmärkte dann vereinzelt an, negativ auf einzelne enttäuschende Wirtschaftsmeldungen zu reagieren. Auch wenn dies bisher noch kein nachhaltiger Trend ist, der Stimmungsumschwung wird immer stärker.

Conrad Mattern ist Vorstand der Conquest Investment Advisory AG und Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität, München

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