ZEIT online: In den USA hört man oft, 9/11 habe alles verändert. Teilen Sie diese Ansicht?

Fareed Zakaria: Nein, das ist eine fundamental falsche Vorstellung. Im New Yorker Alltagsleben ist nicht zu erkennen, dass wir in einer Post-9/11-Welt leben. Das Leben geht ziemlich normal weiter. Die einzige große Misslichkeit, mit der Amerikaner seit 9/11 konfrontiert sind, ist die, dass sie auf den Flughäfen ihre Schuhe ausziehen müssen. Es ist ein Zeichen der außerordentlichen Stärke der USA, dass wir zwei Kriege auf der anderen Seite der Welt führen und das bisher kaum einen Effekt auf die öffentlichen Finanzen hat. Ja, auf politischer Ebene wird eine Diskussion geführt, die Eliten in Washington haben sich strategisch und außenpolitisch umorientiert. Aber wenn man einen normalen Amerikaner zu seinem Alltagsleben befragt, ist 9/11 mit Pearl Harbor nicht zu vergleichen.

ZEIT online: Außerhalb der USA hat sich einiges verändert. Kurz nach 9/11 erregten Sie mit der Newsweek -Coverstory „Warum sie uns hassen“ einiges Aufsehen. Fünf Jahre später sind die USA nicht weniger verhasst.

Zakaria: Das ist wahr. Mein Hauptargument lautete: Um die Wurzeln des islamistischen Terrorismus zu verstehen, muss man die Geschichte der arabischen Welt und ihren pervertierten Weg in die Moderne verstehen. Das ist kein Problem des Islams, sondern eines der arabischen Welt. Mit ihren extrem repressiven Diktaturen und ihrem Ölreichtum – anstelle von echtem Wirtschaftswachstum – ist sie eine Bastardversion der Globalisierung: Statt dass sich Güter, Dienstleistungen und Exporte globalisierten, tat es der radikale Islam als Protestbewegung. Diese Grundbedingungen bestehen heute genauso wie vor fünf Jahren. Das sieht man am Aufstieg der Hisbollah genauso wie an den Problemen, die die Europäer mit Teilen ihrer moslemischen Bevölkerungen haben. Ich habe immer gesagt, dass es ein langfristiger politischer, ideologischer und kultureller Kampf wird, der auch immer wieder militärisch aufflackern wird.

ZEIT online: Was die US-Außenpolitik betrifft, sind die schlimmsten Befürchtungen der Europäer eingetreten. Im Irak herrscht praktisch Bürgerkrieg, Afghanistan ist auch nicht die Erfolgsgeschichte, für die man sie zuerst hielt, im Nahen Osten herrscht Chaos, und der Terror floriert. Was kann der Krieg gegen den Terror auf der Habenseite verbuchen?

Zakaria: 9/11 - und in gewissem Maße auch die amerikanische Reaktion darauf – zwang uns dazu, uns mit Kräften auseinanderzusetzen, die schon lange zuvor bestanden. Die USA haben den Dschihadismus nicht erschaffen; 9/11 wurde geplant, als Präsident Bill Clinton gerade den ehrgeizigsten amerikanischen Versuch startete, zum Geburtshelfer eines palästinensischen Staates zu werden. Die Bilanz der vergangenen Jahre ist gemischt. Die amerikanische Intervention in Afghanistan war moralisch völlig gerechtfertigt und wurde strategisch gut durchgeführt. Afghanistan geht es eigentlich ganz gut – für afghanische Verhältnisse. Im Irak gingen die USA hingegen ohne internationale Billigung, ohne echte internationale Koalition und unter Missachtung fast aller Regeln des Nation-Buildings vor. Jetzt haben wir einen völligen Schlamassel. Jacques Chirac hat in vielen Dingen Unrecht, aber man muss fairerweise sagen, dass er in Bezug auf den Irak Recht behalten hat. Ob das am Irak liegt oder an der Bush-Regierung, wird erst die Geschichte weisen. Aber im Moment hat der Irak sicher einen negativen Effekt auf den Krieg gegen den Terror. Dennoch möchte ich betonen, dass vieler dieser widerlichen illiberalen und antiwestlichen Kräfte schon vorher langfristig wirken. Ich bin ein Kritiker von George W. Bush. Aber glauben Sie bitte nicht, dass ohne George Bush die Hisbollah und die Hamas Blumen auf der Straße verkaufen würden und die Dschihad-Zellen in Madrid und London geschäftig Arbeitslosenformulare ausfüllen würden. Die amerikanische Politik hat die Auseinandersetzung mit ihnen vielleicht beschleunigt. Aber nur, weil Bush einmal „Kreuzzug“ gesagt hat, wird man nicht zum Selbstmordattentäter.

ZEIT online: Ist Bushs großer Plan für den Nahen Osten – die Einführung von Demokratie anstelle der Stützung korrupter Diktaturen – die Lösung für das Problem?

Zakaria: Die größte Tragödie der Präsidentschaft von George W. Bush ist, dass er die fundamental richtige Idee hatte, mit welcher Strategie man dem radikalen Islam begegnen sollte: Nämlich damit aufzuhören, repressive Diktaturen im Nahen Osten zu stützen, die eine ebenso repressive Opposition heranzüchten, und stattdessen politische und wirtschaftliche Öffnung sowie rechtliche Reformen zu fördern. Das Problem ist, dass Bush und seine Regierung taub dafür sind, wie man so etwas angeht. Sie wollen die Welt verändern, aber aus einem Kampfbomber in 10.000 Metern Höhe. Die Transformation der Welt wäre ein sehr langsamer, chaotischer Prozess, und man muss sich dafür mit ihr einlassen. Man kann die Welt nicht per Fernbedienung, per Diktat oder durch Bomben verändern. Man muss von den betreffenden Gesellschaften als Partner, als Freund gesehen werden. Und in dieser Hinsicht hat die Bush-Regierung ihre Karten extrem schlecht gespielt. Wenn man heute sagt, Bush will den Nahen Osten reformieren, halten die Leute das für einen Witz. Die Ausführung war nicht nur inkompetent, sondern auch arrogant und unsensibel. Das Problem bei Leuten wie Bush ist, dass sie vor Patriotismus strotzen, aber nie wirklich begreifen, dass die Menschen in anderen Ländern auch stolze Patrioten sein können.