Der amerikanische Präsident Bush ruiniert das Ansehen seines Landes in Europa; die Befürwortung der NATO in den europäischen Bevölkerungen erodiert; der Atomstreit mit Iran ruft auf beiden Seiten des Atlantiks größere Besorgnis hervor als die Instabilität im Irak – so große, dass im Falle des Versagens der Diplomatie eine knappe Mehrheit in den USA und immerhin eine knappe Minderheit in Europa militärische Gegenmittel befürwortet. Diese und weitere Ergebnisse finden sich in der am Mittwoch vom German Marshall Fund (GMF) veröffentlichten Studie „Transatlantic Trends 2006“.

Jahr für Jahr befragen mehrere wissenschaftliche Institute im Auftrag des GMF amerikanische und europäische Bürger, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Meinungslage auszuloten. Dies ist jetzt die fünfte Befragung, durchgeführt vom 5.6. bis zum 24.6.2006; es nahmen pro Land rund 1000 Bürger daran teil.

Erstmals seit 2002 lehnten dieser Umfrage zufolge die Amerikaner mehrheitlich (zu 58 Prozent) die Außenpolitik ihres Präsidenten ab. In Europa sind es 79 Prozent; am schlechtesten schneidet Bush mit jeweils 85-prozentiger Ablehnung in Frankreich, Spanien und Deutschland ab.

Die sinkende Kurve der europäischen Zustimmung geht säuberlich einher mit der abnehmenden Befürwortung einer Führungsrolle der USA in internationalen Angelegenheiten. In Deutschland hatten sich 2002 noch 68 Prozent der Befragten für eine solche Rolle ausgesprochen, jetzt sind es bloß noch 43 Prozent. Eine knappe Mehrheit der Europäer (und 56 Prozent der Deutschen) sprechen sich für eine von den Vereinigten Staaten unabhängigere Sicherheitspolitik der EU aus, während ausgerechnet in NATO-treuen Ländern wie Italien, Deutschland, Polen und der Türkei die Unterstützung des Bündnisses signifikant zurückgeht. Die Türkei ist ohnehin erwähnenswert, sie droht geradezu aus dem westlichen Konsens herauszufallen und entfremdet sich der EU und der NATO zusehends.

Etwa die Hälfte der Europäer ist dafür, dass die EU ihre militärische Macht ausbaut, um mehr Einfluss in der Weltpolitik zu gewinnen. Und 30 Prozent der US-Bürger wollen, dass die EU eine starke Rolle in der internationalen Politik spielt, ein Wert, der über die Jahre einigermaßen konstant geblieben ist. Vorherrschend bleibt auf beiden Seiten der Wunsch, die transatlantischen Partner mögen zusammenarbeiten.

Der GMF fragte auch nach dem „Erwerb von Atomwaffen durch den Iran“. Darin sähen drei Viertel der Amerikaner und 58 Prozent der Europäer eine „extrem wichtige“ Bedrohung, das gilt namentlich für die Deutschen. Die Frage ist freilich problematisch formuliert, denn sie gibt nicht preis, ob die Tatsache, die Möglichkeit oder ein Szenario des Atomwaffenerwerbs gemeint ist. Im Fall Iran bekennt sich jedenfalls der größte Teil der Antwortenden in den USA zu wirtschaftlichen Sanktionen (36 Prozent), die Europäer wiederum favorisieren mit einer relativen Mehrheit von 46 Prozent wirtschaftliche Anreize.

Aber was, wenn die Diplomatie versagt? Das ist die Machtfrage; 53 Prozent der Amerikaner sehen dann militärische Mittel als die beste Antwort an, und immerhin 45 Prozent der Europäer (bemerkenswerte 40 Prozent der Deutschen) – darunter stolze 54 Prozent der Franzosen. Eine Atommacht Iran würden indessen 35 Prozent der Amerikaner, 38 Prozent der Europäer und erstaunliche 56 Prozent der Türken akzeptieren, um einen Krieg zu vermeiden. Und wer kann mit dem iranischen Problem am besten umgehen? Die Vereinten Nationen, das ist die verbreitetste Meinung, auch in den USA, wo eine relative Mehrheit von 36 Prozent dies glaubt.