Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September ist es zur Gewohnheit geworden, die Welt wieder durch eine bipolare Brille zu betrachten: Hier der Westen, der seine Freiheit, Demokratie und Modernität gegen die finstere islamistische Bedrohung verteidigt. Dort die muslimische Welt, die sich vom Westen ökonomisch, politisch und kulturell unterdrückt fühlt und damit die Gewalt und den Terror der Dschihadisten rechtfertigt.

Diese simplifizierte Betrachtung vom "Kampf der Kulturen", die schon in den 90er Jahren von Samuel Huntington angelegt worden war, vertieft den Graben, den Sonntagsredner immer wieder zu überwinden aufrufen. Vor allem verhindert sie, an die eigentlichen Ursachen des islamischen Terrors heranzukommen.

Das Institut für Auslandsbeziehung in Stuttgart , das sich seit Jahren mit Unterstützung der Bundesregierung dem europäisch-islamischen Dialog widmet, hatte deshalb den Duisburger Politikwissenschaftler Jochen Hippler beauftragt, sich einmal ausführlich mit den Entstehungsbedingungen für politische Gewalt in beiden Kulturkreisen zu beschäftigen.  In seiner am Mittwoch in Berlin vorgelegten Studie "Krieg, Repression, Terrorismus" kommt Hippler zu dem Schluss, dass der Westen keinen Grund hat, mit dem Finger auf die muslimischen Länder zu zeigen und ihnen die Schuld für den wachsenden Terrorismus zuzuweisen - Gegenvorwürfe seien freilich ebensowenig berechtigt. Vielmehr, so lautet sein Fazit, ist politische Gewalt ein gemeinsames Problem westlicher wie muslimischer Gesellschaften, und es hat mit Religion und Ideologie nur begrenzt zu tun.

Hippler verweist zunächst darauf, dass es nicht nur falsch ist, pauschal vom Westen und von der muslimischen Welt zu reden, sondern dass sich dahinter höchst unterschiedliche Gesellschaften und Anschauungen verbergen. Er warnt aber auch und vor allem von einem "Selbstbetrug". Denn die Geschichte des Westens sei von massiver Gewalt geprägt, gerade im 20. Jahrhundert, dem gewaltsamsten bislang überhaupt mit den Verbrechen des Holocaust und des Stalinismus und - je nach Zählung - 170 bis 360 Millionen Todesopfern staatlichen Terrors. Und so wie die arabische und muslimische Welt nicht einfach so tun könne, als habe sie mit Massenmördern wie Osama bin Laden oder Saddam Hussein nichts zu tun, so dürfe auch der Westen seine kolonialen Verbrechen, seine Menschenverachtung, "seine Hitlers und Stalins" nicht ausblenden: "Unsere eigenen zivilisatorischen Errungenschaften zur Norm, aber unsere Verbrechen zur Ausnahme zu erklären - und bei den muslimischen Gesellschaften genau das umgekehrte Verfahren anzuwenden -, das würde nicht allein eine eitle Selbsttäuschung bedeuten, sondern auch jeden Dialog fast unmöglich machen", schreibt Hippler. Stattdessen müsse man mit den eigenen Fehlern beginnen.

Der Politikwissenschaftler, der in häufigem Kontakt mit arabischen Kollegen steht, ruft deshalb beide Seiten auf, sich selber einen Spiegel vorzuhalten - als Mittel zur Selbstreflexion und als Voraussetzung für einen ehrlichen Dialog. Er erinnert daran, dass die Aufklärung, die der Westen so dringlich vom Islam einfordert, und die Modernität, welche er für sich reklamiert, ein doppeltes Gesicht haben: Die Modernisierung habe nicht nur den modernen Staat und eine Zivilisierung innergesellschaftlicher Konflikte mit sich gebracht, sondern auch "Gewaltexzesse fast unvorstellbarer Grausamkeiten". Ja, erst die "moderne Gesellschaft" habe organisatorische und technische Möglichkeiten der Gewalt eröffnet, die früheren verschlossen waren, wie den fabrikmäßig organisierten Völkermord an Millionen Juden. Und während die westlichen Länder im Inneren allmählich und schließlich friedlicher wurden, hätten sie um so mehr Gewalt exportiert - in kolonialen und imperialen Kriegen.

An verschiedenen Beispielen, vom türkischen Genozid an den Armeniern bis zur Gewaltherrschaft Saddam Husseins, zeigt Hippler zugleich, dass die muslimischen Länder ebenfalls Gewalt hervorgebracht haben, "die denen westlicher Gesellschaften an Menschenverachtung, Brutalität und Systematik nicht nachstanden". Die Ursachen für die heutige politische Gewalt und insbesondere für den islamistischen Terrorismus sieht er im wesentlichen in Modernisierungs-Krisen und einer, vor allem im Nahen und Mittleren Osten verbreiteten, "zunehmenden Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit und Wut".