In einem weißen Trainingsanzug und rosa gepunkteten Birkenstock-Sandalen sitzt Gabi K. auf ihrer Terrasse. Vor ihr eine Tasse Kaffee. In ihrer Hand hält sie eine Geburtstagskarte mit einem Foto von ihr und ihrem Freund Heiko O. "Heiko ist etwas größer als ich und schlanker. Und er ist lustig", schwärmt sie. Bereits seit anderthalb Jahren sind Gabi und Heiko ein Paar. Wenn die beiden verliebt in Hamburg spazieren gehen, ziehen sie die Blicke der Passanten auf sich. "Wir fallen schon auf", sagt sie. Warum? "Der Heiko und ich, wir sind beide geistig behindert."

Beim Einschenken des Kaffees zittert ihre Hand, alles dauert lange. Sie hat motorische Schwierigkeiten, auch das Reden und genaue Artikulieren fällt ihr schwer. Durch einen Zwischenfall bei der Geburt wurde ihr Gehirn geschädigt. Auch Heiko hat Probleme mit dem Sprechen, noch mehr als Gabi, auch er ist geistig erheblich behindert. Wegen seiner Behinderung ist er schüchtern, bleibt lieber in seiner Behinderten-Wohngemeinschaft und überlässt es Gabi, ihre gemeinsame Geschichte zu erzählen.

Die Vorstellung, dass zwei behinderte Menschen sich lieben und miteinander intim werden könnten, erscheint
vielen noch immer ungewohnt, unästhetisch, ja sogar abstoßend. Begriffe wie "Sex", "Erotik" und "Kleinfamilie" wirken in einer Welt zwischen Anstalten, Behindertenwerkstätten und betreuten Wohngruppen wie Fremdkörper. Während manche glauben, Behinderte hätten gar keinen sexuellen Bedürfnisse, meinen andere, sie hätten einen besonders starken Sexualtrieb. "Nicht stärker, sondern öffentlicher", sagt Psychologe Bernd Zemella. Behinderte kennen im Gegensatz zu Nichtbehinderten oft keine Schamgrenze, verstehen beispielsweise nicht, was an Selbstbefriedigung in Anwesenheit anderer Menschen verwerflich sein sollte. Aber im Grunde sehnen sich Behinderte genauso sehr nach körperlicher Nähe wie jeder andere Mensch auch, sagte Zemella. Nur ist es für sie gar nicht so leicht, einen Partner zu finden. Sie gehen häufig sehr offen und naiv mit ihren Mitmenschen um, sind gutgläubig und somit leicht zu beeinflussen. Gerade behinderte Frauen machen daher oft schlechte Erfahrungen mit Männern, die sich eine pflegeleichte Frau zulegen wollen, die nicht widerspricht und sich ihrem Partner unterordnet.

Heiko und Gabi lernten sich in der "Schatzkiste" kennen – der ersten Partnerschaftsvermittlung für geistig Behinderte. "Ich suche eine Frau, kann auch gerne 'ne Japanerin sein, kann auch gerne drei Kinder haben." Diesen Satz sprach Heiko dem Leiter der Schatzkiste, Bernd Zemella, auf den Anrufbeantworter. Auch wenn Gabi weder Japanerin noch Mutter dreier Kinder ist, fand nach einem kurzen Briefwechsel bald das erste Treffen zwischen den beiden statt.

Das lief allerdings anders ab, als man sich ein erstes Date für gewöhnlich vorstellt. Statt beim Candlelight-Dinner in einem kleinen romantischen Restaurant trafen sich die beiden im Büro der Schatzkiste, statt Smalltalk über Job und Familie erzählten sie sich von ihrer Behinderung. Was sie können, was sie nicht können. Wie sie ihren Alltag rund um Putzen, Waschen und Kochen meistern. Auch Zemella war bei diesem Treffen anwesend – um das Eis zu brechen und eine Unterhaltung in Gang zu bringen. Danach ging alles sehr schnell. Heiko und Gabi telefonierten täglich und übernachteten schon nach kürzester Zeit beieinander. Mittlerweile haben sich Gabis ebenfalls behinderte Mitbewohner daran gewöhnt, dass Heiko jedes Wochenende bei ihnen schläft.

Beziehungen sind für geistig Behinderte, mehr noch als für Nichtbehinderte, auch eine Art Statussymbol. "Sie glauben, dadurch ein Stück Normalität zu erreichen", sagt Zemella. Vor rund acht Jahren kam eine Kollegin zu dem Hamburger Psychologen und sagte: "Ich habe hier einen Herren, der wünscht sich so sehr eine Freundin. Kannst du da nicht weiterhelfen?" Zemella wusste bereits aus seinen Aufklärungsseminaren für Behinderte, wie groß deren Wunsch nach Zweisamkeit ist, und kam so schließlich auf die Idee einer Partnerschaftsbörse. Mittlerweile umfasst seine Kartei 450 Klienten, weitere Schatzkisten wurden in Rostock, Berlin und Köln eingerichtet.