Abseits des Trubels der Hamburger Innenstadt liegt ein Gebiet, das auf den Karten der Stadtplaner als Hafen City verzeichnet ist. Büro- und Wohngebäude entstehen hier, Museen und öffentliche Plätze. Doch noch wirkt das Gelände recht unbelebt.

Vor diesem industriellen Ödland ist das Motorschiff Stubnitz voll in seinem Element. Schließlich sieht es seine Aufgabe darin, städtische Entwicklungsgebiete attraktiver zu machen. Was von außen wie ein alter Trawler aussieht, erweist sich bei näherer Betrachtung als schwimmende Kulturbotschaft.

Dies ist Urs Blaser in seinem Büro an Bord der Stubnitz . Im Jahre 1992 rettete er das 80 Meter lange Schmuckstück der DDR-Hochseeflotte vor der Verschrottung. Da hatte der gebürtige Schweizer schon eine Karriere als Kulturarbeiter jenseits aller Normen hinter sich. Sieben Jahre lang war er mit einem Lastwagen voller Veranstaltungstechnik durch die Lande gefahren, immer auf der Suche nach leerstehenden Lagerhallen oder halbverfallenen Fabriketagen.

War etwas Passendes gefunden, begann sofort das Programm, mit ungewöhnlichen Konzerten, Ausstellungen und Performances. Künstler fanden sich überall, und das Publikum kam meist wie von selbst. Manchmal vergingen Monate, bis die örtlichen Behörden dem unangemeldeten Treiben ein Ende setzten und der Tross weiterziehen musste. Hin und wieder brauchte es auch nur wenige Tage bis zum Platzverweis.

In den zwei Konzerträumen der Stubnitz kann Urs Blaser die Technik in Ruhe stehen lassen - geblieben ist sein Interesse an urbaner Subkultur.

Die Stubnitz war ursprünglich nicht als Kulturschiff gedacht. Der VEB Fischfang Sassnitz nahm sie 1964 in Betrieb, um die Flottillenfischerei auf Hering zu eröffnen. Ein Vierteljahrhundert lang wurden täglich bis zu 60 Tonnen Fisch an Bord gehievt und bei minus 30 Grad transportiert.

Heute hat das Schiff kulturhistorischen Wert. Im Original erhalten, wurde die Stubnitz 2003 in die Denkmalliste der Hansestadt Rostock und des Landes Mecklenburg-Vorpommern eingetragen. Stadt und Land stellen heute auch Mittel für ihren Betrieb.

Auf See ist eine Besatzung von 14 Personen vorgeschrieben. Einige von ihnen sind ehemalige Hochseefischer aus DDR-Zeiten. Dabei ist Geschichtspflege gar nicht das Hauptanliegen des Teams um Urs Blaser.

Zeichen einer vergangenen Zeit schmücken die Stubnitz . Andererseits ist sie mit moderner Medientechnik vollgestopft. An Bord arbeiten bis zu 36 Leute. In Rostock, wo das Schiff den Winter über liegt, gibt es jährlich an die 100 Veranstaltungen mit insgesamt bis zu 30.000 Besuchern. Dazu kommen die Ausflüge in andere Gewässer.

Seit 1998 hat sich zum Konzertbetrieb die Arbeit mit Neuen Medien gesellt. Die Live-Programme werden seither gefilmt. Ziel ist es, die Dokumente über das Internet öffentlich zugänglich zu machen. Eine technisch anspruchsvolle Arbeit – und das Deck muss trotzdem geschrubbt, die Außenwand trotzdem neu gestrichen werden.

Fredrik Boström ist seit acht Jahren an Bord. Hier sehen wir ihn beim Schneiden eines digitalen Films. Ansonsten ist er noch Vorstandsvorsitzender, Systemadministrator, Booker und Matrose, außerdem verantwortlich für die Internetseite. Solche ungewöhnlichen Berufsbilder sind auf der Stubnitz normal. Deshalb steht auch in fast jedem Raum ein Aschenbecher.

Außerhalb Rostocks ankert die Stubnitz immer nur für wenige Wochen im Hafen einer Stadt. Keine Zeit, sich langsam zu etablieren. Dass der Laden trotzdem läuft, liegt an der Kooperation mit den örtlichen Clubs. Wenn die Stubnitz festmacht, sind die Kontakte längst geknüpft. Das Publikum wird mit dem Programm regionaler Veranstalter an Bord gelockt - und erlebt die Dinge auf dem Schiff doch ganz anders als sonst.