Niemand wird das Ergebnis des ersten Pflichtländerspiels der deutschen Nationalelf nach der Weltmeisterschaft bestreiten: Sie hat ihr erstes Qualifikationsspiel für die Europameisterschaft 2008, auszutragen in Österreich und der Schweiz, mit 1:0 gewonnen. Ein Sieg stand also am Ende von 90 intensiven Minuten. Dennoch waren das Spiel und seine Begleitumstände an diesem Abend in Stuttgart auf vielfältige Weise unentschieden, wechselhaft, ambivalent. So hat Bundestrainer Joachim Löws Team verdient gewonnen, wiewohl das Siegtor durch Lukas Podolskis abgefälschten Freistoß ein glückliches war.

Wie das entscheidende Tor fiel, war nur einer von zahlreichen Hinweisen auf das Pendeln zwischen WM-Euphorie und Alltags-Arbeit. Nicht wirklich viel erinnerte sowohl sportlich als auch von der das Spiel umgebenden Atmosphäre an die ausgelassenen Tage der WM. Dennoch ist es dem deutschen Team und den Fans gelungen, das formidable Klinsmann-Sommergefühl phasenweise mit in den fußballerischen Herbst hinüberzuretten.

Es begann schon am Tag zuvor, als Bundestrainer Löw auf der Pressekonferenz die Berichterstatter beschied, wie Jürgen Klinsmann wolle auch er "zuerst mit den Spielern sprechen, die spielen und die nicht spielen", bevor er öffentlich über die Aufstellung rede. Doch im Gegensatz zu damals, als Klinsmann, jedenfalls bis zur Endphase des WM-Turniers, mit seiner Geheimniskrämerei für eine gewisse Spannung sorgen konnte, schien Löws Zögern kaum einen der Chronisten zu nervösen Recherchen zu veranlassen.

Auch ein weiteres Symbol für die Wochen der Freude im Juni und Juli, die ausgelassenen Menschen vor den Public-Viewing-Screens, war in Stuttgart wieder anzutreffen. Schon Stunden vor dem Anpfiff feierten vor allem irische Schlachtenbummler auf dem Schlossplatz friedlich-fröhlich das Herannahen des Ereignisses. Am Ende sollen es, gemeinsam mit den deutschen Kollegen, über 40.000 gewesen sein. Und doch mochte sich die losgelöste Begeisterung, die sich selbst speisende Euphorie nicht einstellen.

Unmittelbar vor Spielbeginn allerdings musste man dann schon ziemlich hart gesotten sein, um sich nicht wieder in weltmeisterliche Feierlaune bringen zu lassen. Aus den Lautsprechern des Gottfried-Daimler-Stadions donnerten die rhythmischen Gesänge von Xavier Naidoo und andere Hymnen, die uns während des Turniers den Takt unseres Tuns vorgaben. Dann, schließlich, als ein Trailer von Sönke Wortmanns bevorstehendem WM-Film Deutschland - ein Sommermärchen über die Großleinwände in den Stadionkurven flimmerte, mit ausgelassenen Fans, entfesselten Spielern und einem dämonisch-beschwörend in der Kabine agierenden Bundestrainer ("Heute sind sie fällig Jungs, das schwör' ich euch"), konnte man sich für einen kurzen, melancholischen Moment noch einmal selig zurückfallen lassen in die Zeiten der permanenten Glückhormonausschüttung. Aber es war halt doch nur ein Film.

Die über 59.000 Fans nahmen all das dankbar auf und sorgten für eine - für ein EM-Qualifikationsspiel - außerordentliche Atmosphäre. Dann war Anstoß.

Auf dem Spielfeld setzte sich fort, was drumherum die Atmosphäre prägte. Das Spiel der deutschen Mannschaft lief immer mal wieder so flüssig und direkt wie nach der finalen Feinjustierung von Klinsmanns kontrollierter Offensive. Doch die Angriffe der Iren, vornehmlich in der ersten Hälfte, lockten bei den Beobachtern zugleich immer wieder schon jene vergessen geglaubten Sorgen hervor, die in den Spielen vor der WM so dominiert hatten. Bei jedem irischen Angriff in den ersten 30 Minuten schien ein Gegentor möglich. Und das, obwohl die neu zusammengestellte Innenverteidigung mit Arne und Manuel Friedrich ihre an Statur überlegenen irischen Widersacher nach Kräften unter Kontrolle brachten.