Herr Bobic, was wünschen Sie sich von der deutschen Nationalmannschaft, jetzt, knapp zwei Monate nach der WM?
In erster Linie: erfolgreichen Fußball. Dann wünsche ich mir, dass sie ihren attraktiven und offensiven Stil weiter betrieben, den sie während der WM in Perfektion vorgeführt haben. Und dass sie die Qualifikation, die nicht einfach wird, überstehen.

Wieviel Klinsmann steckt in Löw? Und muss Löw überhaupt Klinsmann ähneln, um den gleichen Stil voranzutreiben?
Klinsmann hat die Massen bewegt und polarisiert. Das ist nicht die Stärke von Löw. Aber er hatte großen Anteil an dem Erfolg. Seine Rolle und sein Wirken wurden immer unterschätzt. Löws Vorteil ist, dass es keinen großen Bruch geben wird, denn auch die Mannschaft, die Löw ja kennt, ändert sich nicht so stark. Er muss nur wenige neue Spieler in den Kader integrieren. Damit ändert sich für die Nationalmannschafts eigentlich sehr wenig. Es wird neuen Spielern deshalb leicht fallen, zum Team dazuzustoßen, weil das Grundgerüst steht. Löw kann kontinuierlich weiterarbeiten.

Unter welchen Umständen wird Jogi Löw sich mit großen Problemen auseinandersetzen müssen?
Die Europameisterschafts-Qualifikation ist kein Turnier wie die WM. Es wird viele Auswärtsspiele geben, damit steigt das Risiko, nicht nur Siege einzufahren. Und die Qualifikation dauert 16 Monate. In einem solchen Zeitraum kann die Form der Nationalspieler stark variieren - auch durch Erfolge oder Misserfolge ihrer Vereine bedingt. Läuft es im Team oder im Verein schlecht, gibt es auch Probleme. Wichtig ist, dass die Nationalmannschaft den Spielern Geborgenheit bietet, damit sie ihre Probleme ausklammern können.

Also kommt auf Löw eine größere psychologische Arbeit zu?
Genau. Im Gegensatz zur WM und der Vorbereitung auf das Turnier wird er die Spieler nie über einen langen Zeitraum zur Verfügung haben. In der Regel wird Löw nur drei Tage haben, um die Spieler mental vorzubereiten.

Wie weit muss Löw in seiner Rolle als Bundestrainer auch auf der administrativen Ebene Probleme angehen?
Wichtig ist, dass bestimmte Probleme, wie z.B. die Schuh-Sponsoren-Frage, nicht zu groß thematisiert werden. So etwas kann zwar zu Diskussionen im Mannschaftskreis führen, sollten aber nicht nach außen getragen werden. Das muss so schnell wie möglich hinter geschlossenen Türen geregelt werden.

Wie bewerten Sie die Situation mit Matthias Sammer als Sportdirektor neben Jogi Löw? Löw war wie Klinsmann gegen die Ernennung von Sammer. Kann diese Konstellation zu Schwierigkeiten führen?
Nicht auf dem sportlichen Sektor der A-Nationalmannschaft. Auch das ist eine Situation, die erwachsene Leute unter sich lösen sollten - und zwar umgehend. Sonst entwickelt das Thema über die Medien eine eigene Dynamik lenkt von sportlichen Entwicklungen ab. Solche Nebenkriegsschauplätze kann man in der Nationalmannschaft nicht gebrauchen.

Wie schätzen Sie das Potenzial des neuen Co-Trainer Hansi Flick ein?
Ich denke, dass sich Klinsmann/Löw intern auf gleicher Augenhöhe begegnet sind. Jetzt ist die Konstellation anders: Löw ist der Chef und Hansi Flick wird ihm zuarbeiten. Flicks Status bei der Nationalmannschaft sollte man nicht überbewerten. Die Assistenz ist keine zentrale Rolle im Gefüge der Nationalmannschaft. Es ist nur eine wichtige Position für Joachim Löw. Denn Flick hat bisher als Trainer bislang gute Arbeit geleistet und zeichnet sich durch Loyalität und die gleiche Denkweise wie der Bundestrainer aus. Er wird im Hintergrund bleiben und eher die Position eines Assistenten als die eines Co-Trainers einnehmen. Er ist auch nicht der Typ der viel mit den Medien kommuniziert.