Etwas Besonderes muss anstehen, wenn der Bundestrainer und sein Stab kurz vor einem Länderspiel mehrfach darauf hinweisen, dass der "Gegner ernst genommen" werde. Wenn Joachim Löw in der finalen Mannschaftsbesprechung eine Einzelansprache an seine Spieler richtet, um diese zu motivieren, kann nur ein schwerer Brocken aus dem Weg zu räumen sein. Verwunderlich gerät das Ganze, da der DFB als Zielvorgabe bereits den Gewinn der EM angekündigt hat. Und erst recht ist das alles seltsam, weil der nächste Gegner in der Europameisterschafts-Qualifikation San Marino heißt.

Denn San Marino stellt eine der erfolglosesten Mannschaften der Welt. In der 20-jährigen Geschichte des Fußballverbandes konnte gerade mal ein einziger Sieg erreicht werden - ein knappes 1:0 gegen Liechtenstein. Der größte Triumph der ältesten Republik Europas war eine Führung gegen England. Die Partie ging freilich mit einer hohen Niederlage für das kleine San Marino zu Ende. Für eine Endrunde bei einer Welt- oder Europameisterschaft hat sich die Enklave noch nie qualifiziert.

"Unseren Spielern Selbstbewusstsein und Torhunger durch viele Treffer verschaffen", lautet denn auch Jogi Löws Zielsetzung für die Partie. Klar ist, dass San Marino versuchen wird, Entsprechendes zu verhindern. Das Team wird mit einer defensiven Spielweise aufwarten. Trainer Giampolo Mazza, in dessen Elf lediglich ein Profi-Fußballer steht, ließ im Training mit Tennisbällen auf das Tor von Michele Ceccoli schießen - "um die Schussgewalt der Deutschen zu simulieren", erklärte er.

Vergleichbare Übungen plant der Bundestrainer nicht. Wohl aber wird er die Mannschaft umstellen. Sicher ist, dass Tim Borowski nach seinen engagierten Trainingsleistungen in der Startelf antritt. Wer seinen Platz dafür räumt, will Löw morgen bekannt geben. Trotz der erwarteten Defensivaufstellung des Gegners, sagte der Badener auf einer Pressekonferenz, werde es keine offensivere Ausrichtung der DFB-Elf geben. Dennoch ist der Coach überzeugt, dass seine Akteure "konsequent nach vorne spielen". Alles andere käme ohnehin einer Blamage gleich.

Dem Nachfolger von Jürgen Klinsmann ist bewusst: Das Ansehen und der Stellenwert der A-Nationalmannschaft sind in den letzten zwei Jahren enorm gestiegen. Entsprechend hoch ist der Reputationsverlust, der dem Team droht, falls es nicht haushoch gewinnt. Trotz des spielschwachen Gegners wird wieder ein Millionenpublikum zuschauen. Die Respektsbekundungen von Löw wirken entsprechend wie eine Ermahnung an seine Spieler, und nicht wie ernsthafte Sorgen um eine Niederlage. Abraham Lincoln, Ehrenbürger San Marinos, schrieb einst über den kommenden Gegner: „Obgleich ihr Staatsgebiet klein ist: Ihr Staat ist einer der meistgeehrten der Geschichte“. Dieser Tradition unterwirft sich nun auch der DFB - auch wenn die zahllosen sportlichen Respektbekundungen der Deutschen doch etwas zu viel der Ehre sein dürften.

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