Erschreckend am neuen Gammelfleischskandal ist zunächst einmal die kaum fassbare Dimension: Über 100 Tonnen offenbar verdorbenes Fleisch sind vergangene Woche in München und Niederbayern beschlagnahmt worden. Die Haltbarkeitsdaten waren zum Teil um bis zu vier Jahre überschritten. In sieben Bundesländern soll das Fleisch bereits gelandet sein. Zudem wurden bayerische Traditionsgaststätten, Asia-Shops, Döner-Lokale und das Ausland beliefert.

Zunächst einmal fragt man sich, wie es angehen kann, dass solche Mengen an Lebensmitteln einfach so herumliegen. Wenn die Deutschen tatsächlich so große Fleischesser sind, warum wurde es dann nicht verzehrt? Das kann bislang niemand beantworten. Einen Hinweis gibt die Süddeutsche Zeitung, nach der wir Billigfleisch-Esser sind und zu wenig auf Qualität achten. Die Verbraucher müssten "sich selber fragen, ob sie mit ihren Konsumgewohnheiten, mit ihrer scheinbar unbezähmbaren Fleischgier und ihren partiell immer weiter sinkenden kulinarischen Ansprüchen die Fleischlobby nicht zu kriminellen Betrugsmanövern herausfordern."

Die Strafen für die Fleischmafia sind niedrig, wie der Express beschreibt: "20.000 Euro. Maximal. Da hat der Betrüger schon Millionen gemacht. Und selbst wenn es eine Haftstrafe selbstverständlich auf Bewährung oder ein Berufsverbot hagelt, muss das Spiel mit der Gesundheit der Verbraucher noch längst kein Ende haben. Dann wird das Unternehmen unter dem Namen des Bruders, der Frau oder sonst wem weitergeführt."

Was also tun, damit solche Ekel-Geschichten nicht mehr so häufig vorkommen? Zum einen sollte der Verbraucher bei sich selbst beginnen und seinen Fleischkonsum in qualitativer und quantitativer Hinsicht überdenken. Zum anderen sind die Lebensmittelkontrollen nicht ausreichend, wobei es in Deutschland ein Strukturproblem zu geben scheint: "Die Kontrolle der Fleisch verarbeitenden Betriebe liegt in der Bundesrepublik faktisch in der Hand der Landkreise. Und die sehen in den ortsansässigen Ernährungsunternehmen vor allem einen wichtigen Wirtschaftsfaktor, der ganz bewusst nicht durch schärfere Überwachung ökonomisch geschwächt werden soll, weshalb auch das Kontrollpersonal chronisch knapp gehalten wird", schreibt die Berliner Zeitung dazu.

Wie die staatliche Kontrolle verbessert werden kann, steht in der Stuttgarter Zeitung : "Dazu zählt, die Herkunft der Ware besser und lückenloser zu dokumentieren. Dazu gehört vor allem aber eine effektivere Kontrolle der Betriebe, beispielsweise durch eine mobile Einsatztruppe, die unangekündigt nach dem Rechten sehen und auch landesübergreifend tätig werden kann. Das aber ist bisher am Widerstand der Länder gescheitert."

Zu guter Letzt ist natürlich Transparenz das Mittel der Wahl. Ist der Verbraucher über Herkunft und Ziel der Produkte informiert, kann auch die Kaufentscheidung bewusster gefällt werden. Ob dabei das neue Verbraucherinformationsgesetz aus dem Hause Seehofer ausreichen wird, die Namen der Gammelfleischhändler rechtzeitig der Öffentlichkeit bekannt zu geben, bleibt abzuwarten. Natürlich können falsche Verdächtigungen Lebensmittelfirmen erhebliche Schäden zufügen. Nur schließt sich an dieser Stelle der Kreis. Denn bessere Kontrollen können auch schneller den Nachweis geben, ob ein verdächtiges Unternehmen wirklich vergammelte Waren anbietet.

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