Ein blondes Mädchen mit Kopftuch blickt hoffnungsvoll nach oben. Jetzt also weiß die Welt, wie Natascha Kampusch aussieht. Die österreichische Info-Illustrierte News veröffentlichte Mittwoch Nachmittag in einer Vorabmeldung das erste Foto jenes Mädchens, das 1998 in Wien entführt und acht Jahre in einem Verlies festgehalten wurde. Im Gespräch mit dem Herausgeber des Blattes, Alfred Worm, sagt Frau Kampusch: „Ich hatte immer den Gedanken: Ich bin sicher nicht auf die Welt gekommen, dass ich mich einsperren und mein Leben vollkommen ruinieren lasse. Ich bin verzweifelt an dieser Ungerechtigkeit. Ich habe mich immer gefühlt wie ein armes Henderl in einer Legebatterie. Sie haben sicher im Fernsehen und den Medien mein Verlies gesehen. Also wissen Sie, wie klein es war. Es war zum Verzweifeln.“ So also sieht sie heute aus: Natascha Kampusch auf dem Titel der Zeitschrift News© Heinz-Peter Bader/Reuters

Die Zeitschrift News hat nun das Rennen um das erste Foto von Kampuschs Antlitz gewonnen. Auch die Kronen Zeitung wird am Mittwochnachmittag noch ein Interview mit Natascha Kampusch veröffentlichen. Am Abend strahlt dann der ORF ein Interview mit der 18-Jährigen aus, das Gespräch soll eine Stunde später in Deutschland auf RTL zu sehen sein.

In den letzten Tagen herrschte in Wien ein unappetitlicher Medienkrieg um das erste Gespräch mit der traumatisierten Entführten. Hunderte Medienvertreter bombardierten die Betreuer von Kampusch und boten Hunderttausende Euro für Exklusivverträge. Ursprünglich hatten die Psychiater Kampuschs ja betont, dass das Entführungsopfer wohl noch einige Wochen benötige, um an die Öffentlichkeit zu treten. Doch Kampusch selbst, so erzählt ein Mitglied des Betreuerstabes, wollte ihre Geschichte erzählen - und dabei ihr Gesicht zeigen. Die Eltern des Mädchens, die auch eifrig Exklusivinterviews gewährten und mit dem Handy ein Foto ihrer Tochter anfertigten, wollten dies durch gerichtliche Klagen verhindern.

Verwunderlich ist, warum sich Kampusch ausgerechnet für jene österreichischen Boulevardmedien entschied, die vergangene Woche noch ausführlich über ihr Intimleben spekulierten. Sie selbst betonte ja in einem Schreiben, dass sie Eingriffe in ihr Intimleben nicht dulde. Der Standard berichtete gestern unter Hinweis auf ihr Beraterteam, Kampusch hätte lieber mit österreichischen Qualitätsmedien gesprochen. News und Krone haben Frau Kampusch aber stattliche Summen für das Interview bezahlt und ihr, wie es ihr Medienberater Dietmar Ecker nennt, „die Zukunft gesichert“. Angeblich wurden ihr Job, Wohnung und auch eine Leibrente zugesichert. Ihr Gesicht darf ab sofort in allen Medien gezeigt werden. Es bleibt zu hoffen, dass ihre Entscheidung auch wirklich frei war - und sich ein Missbrauchsopfer nicht aus finanziellen Gründen zu Markte tragen musste.

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