Warschau, so heißt es, sei empört über den Auftritt des Bundespräsidenten bei den Vertriebenen. Ganz Warschau? Da bekommt man ja regelrecht einen Schrecken, denn Horst Köhlers Rede war ja überaus vernünftig gewesen, wahrscheinlich überhaupt nicht nach dem Geschmack mancher Funktionäre des Bundes der Vertriebenen; und es war nicht die erste Rede eines Bundespräsidenten vor dieser Vereinigung – Johannes Rau war auch schon da gewesen. Aber bei der näheren Lektüre weicht ein großer Teil des Schreckens: Es war nur, wenn auch immerhin der polnische Ministerpräsident Jaroslaw Kaczy ń ski gewesen, der sich empörte – nicht ganz Warschau. Und damit wären wir dann auch schon bei der polnischen Innenpolitik angekommen – und bei der Frage, welche Rolle die „deutsche Frage“ in diesem internen Konzert spielt oder welche Rolle ihr bewusst zugespielt wird.

Vergessen wir dabei nicht, welche Torheiten von deutscher Seite – die einseitige Erinnerungspolitik des Bundes der Vertriebenen, die hohlen Rückforderungsreden der sich selbst anmaßend so nennenden „Preußischen Treuhand“ etc. – diese polemische Aufladung des polnisch-deutschen Verhältnisses begünstigt, ja provoziert haben. Schließlich wird man einen Anteil der Schuld auch an der einseitigen Ausrichtung der deutschen Außen- und Energiesicherungspolitik an Putins Russland festmachen müssen. Läge unter Polens Erde reichlich Erdgas – Gerhard Schröder hätte gewiss auch die polnischen Staats- und Regierungschefs geduzt und nach Hannover zu seinem 60. Geburtstag eingeladen.

Aber nun wollen wir doch dem Realismus das Recht geben – mit einigen Anmerkungen:

Erstens: Das Verhältnis zwischen Deutschland und Polen ist für die Zukunft mindestens so wichtig wie das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich – auch wenn die Polen nicht über Atomwaffen und über das mehr oder weniger (un-)berechtigte Bewusstsein einer Weltmacht gebieten. Wir müssen uns sowohl mit unserem größten unmittelbaren Nachbarn im Osten wie mit dem größten unmittelbaren Nachbarn im Westen um exzellente Beziehungen bemühen.