Kurt Beck nutzt die Gunst der Stunde. Gerade stürzt die CDU in der Wählergunst ab, da ruft der SPD-Vorsitzende das Ziel aus, baldmöglichst die größere Volkspartei zu werden. 35 Prozent "plus ein dickes X" sollen es 2009 werden. Recht anspruchsvoll angesichts von 29 Prozent, die Umfragen für die Sozialdemokraten gegenwärtig vorhersehen. Vermutlich aber ist genau dies der Grund, der Beck antreibt, wenn er einen Kurswechsel in der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik fordert und "Leistungsträger fördern" will, wie er dem Stern sagte. Leistungsträger, das sind für Beck die "40 bis 50 Prozent in der Mitte der Gesellschaft"  - oder, mit Gerhard Schröder gesprochen, die alte Neue Mitte.

Kehrt der aktuelle SPD-Vorsitzende dorthin zurück, wo sein Vor-Vor-Vorgänger 1998 schon einmal stand? Zumindest begibt sich die SPD wieder einmal "auf die Suche nach einem Markenkern", schreibt die Frankfurter Rundschau an diesem Donnerstag. Der sei "vor allem das alte sozialdemokratische Kernversprechen, durch eigener Hände (oder auch Köpfe) Arbeit Sicherheit und Aufstieg erreichen zu können". Klingt sehr nach siebziger Jahre. Aber damals war die SPD auch erfolgreich und rekrutierte viele ihrer Wähler unter jenen Bevölkerungsgruppen, die Beck nun wieder stärker ansprechen will: Facharbeiter, Angestellte, Selbstständige und Ingenieure.

Sinnvoll findet die Neue Osnabrücker Zeitung diese Strategie, auf die Gefahr hin, dass daraus ein  Konflikt mit den Gewerkschaften erwachse: "Aber anders kann Beck die Leistungsträger in der Mitte der Gesellschaft kaum für seine Partei gewinnen. Denn für diese zählen vor allem Eigenverantwortung und Wettbewerbsfähigkeit. Mit Parolen aus der Mottenkiste der Arbeiterbewegung können erfolgreiche Facharbeiter, Ingenieure oder Selbstständige nichts anfangen." Die Frankfurter Rundschau hält dagegen: "Gerade weil viele aus den abgehängten, einkommensschwachen Milieus längst nicht mehr zur Wahl gehen, steht die SPD vor einem echten Spagat - falls sie die alte Rolle als Anwältin der kleinen Leute denn noch ernsthaft übernehmen will. Aber wie soll dieser funktionieren?"

Vielleicht gar nicht. Becks Plan könnte dennoch Wahlerfolge bringen, sagt die Rheinische Post voraus: "Politisch-inhaltlich spektakulär ist Becks Vorpreschen, weil er die SPD dort haben möchte, wo allein Wahlen gewonnen werden. (...) Wenn Beck nicht bloß redet, vielmehr seine Partei zur Vernunft bringt und auf Mitte-Kurs trimmt, wäre er ein starker Kanzlerkandidat." Ähnlich sieht es die Süddeutsche Zeitung : "Beck muss versuchen, die Mittelschicht, das mittlere Drittel der Gesellschaft für die SPD zu gewinnen, weil die Partei sich seit Hartz IV im unteren Drittel schwer tut."

Man hätte erwarten können, dass ein Aufschrei durch die Partei geht, mindestens durch ihren linken Flügel . Doch bislang ist vor allem Zustimmung zu vernehmen, vom eher konservativen Seeheimer Kreis genauso wie aus der jüngeren Generation, beispielsweise vom linken Abgeordneten Niels Annen, ehemals Juso-Vorsitzender, oder der baden-württembergischen Landesvorsitzenden Ute Vogt, die im März bei den Landtagswahlen gerade in der Mittelschicht viele Stimmen verlor. Dass Beck auf so viel Zustimmung stößt, mag an seinem seit 12 Jahren existierenden sozialliberalen Bündnis in Rheinland-Pfalz liegen. Erfolg gibt eben Recht. Mehr wirkt aber wohl die Person Beck selbst. Nochmals die Süddeutsche Zeitung : "Man nimmt ihm, im Gegensatz zu seinem Vorgänger Schröder, in der Partei ohne weiteres ab, dass er ein Sozi ist; und in der Öffentlichkeit nimmt man ihm das nicht krumm." Beste Voraussetzungen auf eine erfolgreiche Kanzlerkandidatur 2009? In der SPD jedenfalls gibt es derzeit niemandem, der Beck etwas entgegenzusetzen hätte.

Lesen Sie auch den Leitartikel von Giovanni di Lorenzo: Worauf warten die noch? Nie standen sich in Deutschland Regierende und Regierte so verständnislos gegenüber