Gleich zu Beginn erzähltJosé Luis Rodríguez Zapatero, dass er gerade zu einem Blitzbesuch in Berlin war, als Gast beim Konzert von Daniel Barenboims jüdisch-palästinesischem Orchesterprojekt. Eine Privatreise, wie Zapateros Mitarbeiter reihum versicherten, aber für den spanischen Ministerpräsidenten von hoher politischer Symbolik. Barenboims kultureller Friedensinitiative misst Zapatero enorme Bedeutung bei und will sie deshalb unterstützen, so gut es geht: Denn für ihn ist die ungelöste politische Krise im Nahen Osten der „primäre Tumor“, aus dem der internationale Terrorismus unserer Tage wächst.

Zum Gespräch über die Lage fünf Jahre nach dem 11. September 2001 und zweieinhalb Jahre nach den Bombenattentaten des 11. März 2004 von Madrid empfängt Zapatero DIE ZEIT in seinem Büro auf dem Moncloa-Gelände in Madrid. Aufmerksam betrachtet er die Titelseite der ZEIT-Ausgabe über den „neuen Feminismus“, ein Thema, das ihn seit langem interessiert. Zapatero ist in gewisser Weise der oberste Feminist Spaniens: Sein Kabinett besteht denn auch zur Hälfte aus Frauen (unbeschadet der vielfach vertretenen Ansicht, dass er diesem Gleichgewicht zuliebe einige besser geeignete männliche Kandidaten übergehen musste). Doch Symbole, davon ist der junge Leoneser Sozialdemokrat überzeugt, sind in der Politik unverzichtbar, dafür muss man auch mal ein Opfer bringen. Er gilt als entschlossener Frauenrechtler, und beim ersten Besuch im Berliner Kanzleramt riskierte er gegenüber Angela Merkel denn auch einen kleinen feministisch unterlegten Scherz. Ein Gespräch über die bitteren Jubiläen dieser Tage, den islamistischen Terror und seinen Einfluss auf die innere Verfassung der westlichen Demokratien.

DIE ZEIT: Herr Ministerpräsident, wie beurteilen Sie heute, fünf Jahre nach den Anschlägen des 11. September von New York und zweieinhalb Jahre nach denen des 11. März von Madrid, die innere Sicherheit der westlichen Demokratien? Was hat sich seither verändert?

JOSÉ LUIS RODRÍGUEZ ZAPATERO: Der islamistische Terrorismus macht uns zur Zeit in der Tat die meisten Sorgen. Aber terroristische Gewalt prägte nicht nur die fünf Jahre seit dem 11. September. Gewalt hat die Demokratien schon immer herausgefordert. Die demokratischen Gesellschaften müssen ihre Freiheiten verteidigen, aber die Antwort auf die Attacken gewalttätiger Fanatiker kann nur mit den Instrumenten der Demokratie erfolgen, mit den Methoden des Rechtsstaats und auf der Basis des Völkerrecht, nicht mit Kreuzzügen. Weder der Terrorismus noch die Angst vor der Gewalt dürfen zu einem Verlust an Freiheit führen.

DIE ZEIT: Ist die demokratische Balance von Freiheit und Sicherheit aufgrund der terroristischen Bedrohung gefährdet?

Zapatero: Ich finde nicht. Wenn die Verteidigung der Freiheit einige unvermeidliche Einschränkungen vornehmen muss, dann geht das zurück auf Fehler, die anderswo gemacht wurden. Das führt uns zum eigentlichen Kern der Probleme. Natürlich müssen die demokratischen Gesellschaften die nötigen Vorkehrungen zur Sicherheit ihrer Bürger treffen. Aber das muss mit der richtigen Perspektive geschehen. Das heißt, noch wichtiger ist es zum Beispiel, die Probleme des Nahen Ostens zu lösen.

DIE ZEIT: Sehen Sie im Nahen Osten die Ursache für den islamistischen Terrorismus?

Zapatero: Der Nahe Osten ist der primäre Tumor, die ständige Quelle politischer Instabilität. Aus ihm wächst der islamische Radikalismus und die Bereitschaft zur Gewalt, die zum Terrorismus führt. Die internationale Staatengemeinschaft darf daher nicht davon ausgehen, dass wir im Nahen Osten im 21. Jahrhundert so weiter machen können wie die letzten 40 Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die ganze Staatengemeinschaft muss sagen: Basta ya ! Genug! Ehe das Problem nicht gelöst ist, können wir die Staatengemeinschaft und das internationale Rechtssystem keinen Schritt weiter entwickeln. Deshalb müssen die nationalen Regierungen in legitime internationale Institutionen wie die Vereinten Nationen und die Europäische Union mehr Vertrauen investieren. Sie müssen ihnen Zuständigkeiten übertragen, damit sie die großen Konflikte angehen können.

DIE ZEIT: Da sprechen Sie von großen Lösungen, die viele Jahre dauern können. Die Bürger in den Demokratien verlangen aber mehr Sicherheit jetzt, wie immer die herstellbar wäre - mit mehr Videokameras, strengeren Gepäckkontrollen oder umfassenden Datensammlungen. Verzichten nicht viele Bürger gern auf einen Teil der Freiheit, wenn sie glauben, es bringt ihnen mehr Sicherheit?

Zapatero: Es gibt keine Einschränkung der Freiheit, die tatsächlich einen Zuwachs an Sicherheit gewährleistet.

DIE ZEIT: Wie sicher fühlt sich Spanien? Ein Beispiel: Auf der Strecke Berlin-Madrid war die Maschine der spanischen Iberia wie üblich voll mit Handgepäck, samt Computern und Handtelefonen und Wasserflaschen - was auf Amerikaflügen zur Zeit alles verboten ist. Ist Spanien sorgloser, ist es objektiv sicherer, oder versagt nur die Koordination der Sicherheitsmaßnahmen auf europäischen Flughäfen und Bahnhöfen?

Zapatero: Das ist Sache der nationalen Stellen, aber natürlich kann das Koordinieren von Sicherheitsmaßnahmen nützlich sein. Die wichtigste Aufgabe Europas heute ist jedoch nicht eine gemeinsame Richtlinie über das Handgepäck. Das Wichtigste ist die politische Arbeit an den Wurzeln der Probleme. Das ist langfristig die wirksamste Prävention. Es ist wichtiger, was wir außerhalb unserer Grenzen für die Sicherheit und unsere Freiheit tun als innerhalb der Grenzen. Das müssen wir begreifen.

DIE ZEIT: Tun die spanischen Bürger das?

Zapatero: Spanien ist eine junge Demokratie, ein vitales Land. In unserer Geschichte haben wir zwei Erfahrungen gemacht, die in der kollektiven Erinnerung nach wie vor präsent sind. Erstens waren wir ein Auswandererland und zweitens zur gleichen Zeit eine Diktatur. Diese Erfahrung der Öffnung zur Welt, während das eigene Land sich abschloss, war für viele Spanier damals prägend. Diese Offenheit macht sich heute deutlich bemerkbar.

DIE ZEIT: Können Sie ein Beispiel geben?

Zapatero: Die Attentate vom 11. März waren wahrlich brutal. Was danach aber am meisten internationale Aufmerksamkeit hervorrief, war die ruhige Reaktion der spanischen Bürger. Es gab bei uns keinerlei fremdenfeindliche Akte. Es gab nicht einmal eine Debatte über die Rolle ausländischer Mitbürger. Auch die Tatsache, dass die Mehrheit der Attentäter Marokkaner waren, fiel nicht ins Gewicht. Wir haben 400.000 marokkanische Mitbürger. Das spielt im öffentlichen Bewusstsein gar keine Rolle. Wir sind eines der weltoffensten und tolerantesten Länder der gesamten westlichen Demokratien. Der beste Beweis ist unser Gesetz zur Gleichstellung homosexueller Paare. Ältere Demokratien haben das noch nicht getan, aber eine junge Demokratie wie Spanien. Und 65 Prozent der Bürger stimmen diesem Gesetz zu, sehr zum Ärger der Katholiken, besonders der Hierarchie.

DIE ZEIT: Ist die Offenheit, von der Sie sprechen, die Ursache dafür, dass Spanien heute in Fragen der Immigration, verglichen mit anderen Ländern, als liberal gilt und dafür im vergangenen Jahr bei der Legalisierung illegal Eingewanderter von europäischen Partnerstaaten kritisiert wurde?

Zapatero: Unsere Haltung zur Zuwanderung ist weder liberal noch konservativ.