Pünktlich zum EM-Qualifikationsspiel zwischen Frankreich und Italien hat Marco Materazzi, das Opfer der Kopfstoßattacke Zinedine Zidanes im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft, der Welt verraten, mit welchen Worten man „Zizou“ auf die Palme bringen kann. Erinnern wir uns: 108. Minute des WM-Finales, Spielstand 1:1. Gerade ist wieder ein Angriff der Franzosen auf Höhe des italienischen Strafraums verpufft. Die Zuschauer vor dem Fernseher und im Berliner Olympiastadion gewöhnen sich an den Gedanken einer Entscheidung im Elfmeterschießen. Plötzlich Bewegung auf dem Spielfeld, wild gestikulierend rennt der italienische Torwart Gianluigi Buffon auf den Linienrichter zu, noch läuft das Spiel weiter, dann die Unterbrechung. Ein Italiener liegt am Boden. Dank moderner Kameratechnik wissen es die Fernsehzuschauer zuerst, es handelt sich um Marco Materazzi.

Was war geschehen? Auch hier ist den Milliarden Fans am Fernsehschirm der Informationsvorsprung gewiss, kaum etwas entgeht den zahllosen Kameras im Stadionrund. Soeben hat Frankreichs Kapitän Zinedine Zidane seinen Gegenspieler Materazzi mit einem Kopfstoß niedergestreckt. Die Zeitlupen wiederholen die Situation wieder und wieder: Zidane, wie er sich von Materazzi entfernt, dann scheint Materazzi etwas zu sagen. Kameras enthüllen eine Lippenbewegung des Italieners, Zidane bleibt abrupt stehen. Er dreht sich um, senkt seinen Kopf und schlägt ihn wenige Sekunden später auf den Brustkorb des Italieners.

Zidane in seiner ganz eigenen Verkörperung des Profiboxers Jake La Motta, dessen Markenzeichen der tiefhängende Kopf, die schwelende Aggressivität und die Tendenz zur Selbstzerstörung waren? - Mitnichten, Zidane braucht keine Rollenvorbilder mehr, er ist selbst eins, wie er wenige Tage später zugibt, als er sich im französischen Fernsehen den Fragen der Journalisten stellt. Es täte ihm besonders Leid um die Kinder, deren Vorbild er ist und: Ja, sein Verhalten war falsch – aber er würde es wieder tun. Er sei schwer beleidigt worden, seine Mutter und seine Schwester seien beleidigt worden. Das sei eine Frage der Ehre. Was genau Materazzi denn gesagt habe, wird er gefragt. Die Frage beantwortet Zidane an diesem Abend nicht.

Seit dem Schlusspfiff beherrschte nicht mehr das Spiel, sondern die Kopfstoß-Affäre die Diskussionen. Gut, Italien war Weltmeister geworden, aber selten hat ein Weltmeister-Team weniger Aufmerksamkeit und Sympathien genossen als die Squadra Azzurra. Und das, obwohl auch die Franzosen, über die gesamte Spielzeit betrachtet, durchaus nicht überzeugt hatten. Übrigens auch nicht während der ersten 108 Minuten, in denen Zidane seiner Mannschaft noch zur Verfügung stand. Fast mochte man meinen, das ganze Drama um den Gewaltausbruch von Frankreichs genialem Spielmacher sei inszeniert gewesen, um von einem der langweiligsten Finalspiele der WM-Geschichte abzulenken. Ohne den Skandal würde sich wohl schon heute kaum noch jemand an den müden Kick erinnern, den die beiden Mannschaften ihren erwartungsfrohen Fans an diesem Abend zu bieten hatten.

Das Nachspiel faszinierte da schon eher, eifrig wurde in diversen Foren diskutiert, wem die Schuld am Ausraster eines „Fußballgottes“ zuzuschreiben sei. Dem Gott selbst, immerhin per Videobeweis eindeutig als Täter überführt, oder dem respektlosen Provokateur, dessen hinterhältiges Flüstern den perfekten Abgang eines der besten Fußballspieler der vergangenen Jahrzehnte ruinierte.

In der Regel ist die Macht der Bilder schwer zu übertreffen, demnach hätte es eigentlich gar keine Diskussion geben dürfen. Eindeutig übertrat Zidane die Grenze dessen, was auf dem Spielfeld erlaubt ist. Solche Szenen möchte man bei einem Fußballspiel nicht sehen, schon gar nicht im Finale einer Weltmeisterschaft. Aber hier die Überraschung: Sieht man einmal von den italienischen Tifosi ab, stand die überwiegende Zahl der Fans auf Seiten „Zizous“. Die Macht des Bildes war hinter einer größeren Macht zurückgetreten: der Macht des Glaubens - oder besser des Nicht-Glauben-Wollens.