Es gibt nicht allzu viele deutsche Begriffe, die den Einzug in die englische Sprache geschafft haben. "Kindergarten" ist so ein Wort oder auch "Rucksack" oder "Weltschmerz". Seit den 80er Jahren ist eine weitere Wendung hängen geblieben. "German Angst" lautet sie. So eindringlich nimmt man im Ausland offenbar eine bestimmte, als typisch deutsch empfundene Gestimmtheit wahr, dass man sogar das entsprechende Wort in den eigenen Sprachschatz integriert hat.

Die Journalistin Sabine Bode hat sich diesen Blick von außen auf Deutschland zu eigen gemacht und versucht, eine Erklärung dafür zu finden, warum die Deutschen angeblich in besonderer Weise ein von Angst und enormem Sicherheitsbedürfnis geprägtes Volk sind. Die Antwort, die sie gefunden hat, hängt wohl vor allem mit ihrem jüngsten Buch zusammen.

Bode hat sich nämlich schon früher ausgiebig mit dem Schicksal deutscher Kriegskinder beschäftigt. Diese hätten schreckliche Erfahrungen wie die Nächte in den Bombenkellern oder Flucht und Vertreibung in den unmittelbaren Nachkriegsjahren verdrängt. Im Alter brächen die damals erlittenen Traumatisierungen nun wieder auf, so eine mittlerweile weitverbreitete These. In ihrem neuen Buch "Die deutsche Krankheit – German Angst" überträgt Bode diesen Gedanken nun von der individuellen auf die gesellschaftliche Ebene. Die ganze Gesellschaft sei noch immer traumatisiert und reagiere deswegen unangemessen ängstlich auf die Herausforderungen der Gegenwart.

Um diesen Zusammenhang zu erhärten, hat Bode viele Interviews geführt, bevorzugt mit Menschen, die heute Ende 60 und älter sind. Nicht ganz in diese Kategorie passt der deutsche Finanzminister, der Jahrgang 1947 ist. Trotzdem war er nicht nur bereit, von seiner Familiengeschichte zu erzählen. Ihm gefiel die These sogar so gut, dass er die Vorstellung des Buches im vornehmen Ambiente der Dresdner Bank in Berlin übernahm.

Eins sei allerdings vorweg klargestellt: Steinbrück selbst sieht sich keineswegs als Vertreter der "German Angst". Dank seiner dänischen Mutter sei er sowieso ein halber Ausländer und in seiner Familie seien Kriegserlebnisse auch nicht verdrängt worden, erzählt er in dem Buch. Auch ist ihm, wie er freimütig einräumt, der Erklärungsansatz der Autorin zu monokausal. Der Hobbyhistoriker nimmt als Ursachen für die besondere deutsche Gestimmtheit gleich auch noch den deutschen Idealismus, die Romantik und die Geschichte seit 1918 in die Pflicht.

Schnell wird allerdings deutlich, dass Steinbrück sich für Vergangenheitsbewältigung herzlich wenig interessiert. Er ist gekommen, um anzuklagen.

Die mentalen Probleme seien in Deutschland mittlerweile genauso groß wie die strukturellen, sagt Steinbrück. Aber er wäre nicht Steinbrück, wenn er das nicht noch ein wenig knackiger formulieren könnte. "Das Jammertal ist mittlerweile der beliebteste Ausflugsort der Deutschen geworden", setzt er nach. So kann das aber nicht weitergehen. Schließlich habe schon Boris Becker gewusst: "Auf dem Platz entscheidet die mentale Einstellung."