Auf den ersten Blick erscheint die Situation paradox. Während die Hochschulen über überfüllte Seminare und chaotische Zustände klagen, weil sie der Studentenflut nicht Herr werden können, bestätigt der am Dienstag in Berlin vorgestellte OECD-Bildungsbericht genau die gegenteilige Sicht. Deutschland hat demnach nicht zu viele, sondern zu wenige Menschen mit einer so genannten tertiären Bildung, also einem Abschluss, der über Abitur oder eine abgeschlossene Berufsausbildung hinausgeht.

Zwar ist es auch in Deutschland gelungen, den Anteil der Akademiker zu steigern, doch blieb man weit hinter dem Durchschnitt der 30 wichtigsten Industrienationen zurück. Während nämlich die Zahl der Menschen mit Hoch- oder Fachhochschulabschluss zwischen 2000 und 2004 in Deutschland von 19,3 auf 20,6 Prozent eines Jahrgangs stieg, verfügen im OECD-Durchschnitt 34,8 Prozent über eine solche höhere Bildung.

Noch dramatischer lässt sich die Entwicklung darstellen, wenn man ein wenig weiter zurückblickt. Nahm Deutschland 1970, was den Anteil der Akademiker angeht, noch den neunten Platz unter den 30 Staaten ein, ist es heute nur noch Platz 22. Kleiner Trost: Bei den richtigen Topleuten, denjenigen nämlich, die nach dem Uni-Abschluss an weiterführenden Forschungsprogrammen teilnehmen, liegt Deutschland immer noch ganz vorn.

Doch die Gesamtbilanz stimmt gleichwohl wenig optimistisch. "Der in den 80er und 90er Jahren angestaute Rückstand konnte durch den neuen Trend hin zu mehr Hochschulabschlüssen bei weitem noch nicht ausgeglichen werden", so der Befund von OECD-Bildungsforscher Andreas Schleicher. Will sagen: In Deutschland bewegt sich was, aber im Vergleich zu anderen Ländern bewegt es sich zu langsam. Zwar gibt es, sagt Schleicher, in allen Staaten einen "dramatischen Anstieg des Bedarfs von Spitzenqualifikationen". Doch andere Länder hätten hier viel schneller und umfassender reagiert als Deutschland.

Für die Akademiker selbst hat der bereits entstandene Mangel zunächst mal einen positiven Begleiteffekt: Ihre Einkommen steigen nämlich stärker als die von Menschen mit geringerer Bildung. Doch während sich der gefragte Spezialist darüber freuen kann, sieht Schleicher in diesen Daten vor allem ein Warnsignal. Diese Entwicklung zeige nämlich, dass es schon jetzt weniger Gutqualifizierte gebe, als gebraucht würden.

In den kommenden Jahren könnte sich die Situation weiter verschärfen. Schuld daran ist allerdings nicht nur die Untätigkeit von Bildungspolitikern oder die Starre des Systems, sondern vor allem auch der demografische Wandel.

Der macht nämlich manche Anstrengung der Politik sofort wieder zunichte. Das lässt sich auch heute schon beobachten. Denn obwohl der Anteil der Studierenden eines Jahrgangs zwischen 1995 und 2004 um 24 Prozent stieg, hatte man hinterher real nur acht Prozent mehr Absolventen, da gleichzeitig die Bevölkerung der entsprechenden Altersgruppe um 16 Prozent zurückging. Bis 2015 wird die Zahl der unter 15-jährigen Schüler um weitere 14 Prozent sinken, rechnet der Bildungsstaatsekretär Andreas Storm vor. Und die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Ute Erdsiek-Rave, ist überzeugt: "Die Auswirkungen des demografischen Wandels werden wir nirgends so schnell und so dramatisch vor Augen geführt bekommen wie im Bildungssystem."